Poetry-Slam

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Fotos: Maximiljan Reth

Poetry-Slam: Aufnahmen aus der Abschlusspräsentation

auf der Abschlusspräsentation der Poetryslam-Werkstatt mit Temye Tesfu/Pfingstkademie 2009, 29. Mai bis 2. Juni 2009 im wannseeFORUM Berlin



Du bist das Wort

Sprachakrobatik in Reimkultur: Auf der Pfingstakademie wurde im Workshop “Poetry Slam” um die Wette gedichtet. Nichts ist da schlimmer, als den falschen Ton anzuschlagen.

Von Anja Maxrath


Kennt ihr “Stiller Reim”? Oder “Ich packe meinen Reim”? Die sechs Teilnehmer des Workshops “Poetry Slam” kennen die beiden Spiele jetzt. “Bei “stiller Reim” muss einer ein Wort dem anderen zuflüstert, der muss wiederum ein sich auf das erste Wort reimendes Wort weiterflüstern”, erklärt Katharina Rothe. Die 23jährige studiert Kulturwissenschaften an der Viadrina Universität in Frankfurt an der Oder. Im Rahmen ihres Studiums hat sich auch mit Literatur zu tun und hat sich dementsprechend für den Workshop “Poetry Slam” angemeldet. “Klar schreibt man auch im Studium Texte, aber so richtig kreativ habe ich bisher noch nicht geschrieben,” gesteht die Studentin. Sie mache den Workshop vor allem, um Methoden zu lernen, mit denen man Schreibblockaden abbauen kann und bisher seien ihre Erwartungen auch getroffen worden, so Rothe.


Angeleitet wurde der Workshop von Temye Tesfu, der schon seit drei Jahren aktiver Slammer ist. In seiner Heimatstadt Augsburg wurde er durch einen Aushang in seiner Schule auf den Poetry Slam aufmerksam. Bis heute ist er dabei geblieben. “Ich habe schon vorher Gedichte geschrieben,” erzählt Tesfu, der momentan für ein freiwilliges soziales Jahr in Berlin ist. Aber mit dem Poetry Slam scheint er etwas gefunden zu haben, das ihn begeistert. Relativ schnell sei er auch auf Poetry Slams selbst aufgetreten. Zuletzt auf der deutschsprachigen Meisterschaft in Zürich, wo er mit seinem Team den siebten Platz gemacht hat.


Auch Frauke Weyhausen (26) aus Lüneburg arbeitet an ihrem ersten Gedicht, das sie nachher vortragen wird. Nach einer anfänglichen Einführung in den “Poetry Slam” wurden Themen verteilt, über die die Teilnehmer slammen sollen. Frauke hat das Thema Liebe erwischt und versucht sich jetzt an ihrem ersten Gedicht. “Ich schreibe über eine Frau, die einen Mann sehr liebt und die das Leben mit diesem Mann beschreibt”, fasst sie zusammen. Autobiografische Züge weist die 26jährige vehement zurück.


Im Rahmen des Workshops wurden die Teilnehmer von Profi-Slammer Tesfu mit dem wichtigsten Werkzeug ausgerüstet: Stilmittel. “Da gibt es zum Beispiel den Reim, die Steigerung und auch Ausrufe,” weiß Rothe. Ob sie das bei ihrem anstehenden Auftritt auch so hinbekommt? “Nervös bin ich eigentlich nicht,” sagt sie, “anders wäre das, wenn ich vor einer wesentlich größeren Gruppe auftreten müsste”.


Was auf der Pfingstakademie im Wannseeforum als wetteifernde Praxis an einem Wochenende unter Jugendlichen funktioniert, existiert in den USAin Form von Wortduellen seit bald drei Jahrzehnten: Als Gründer dieser Art des Vortrags von Literatur gilt Marc Kelly Smith aus Chicago, der irgendwann keine Lust mehr auf die normalen Lesungen mit Tisch und Wasserglas hatte und der 1984 begann, wöchentlich in der Literaturshow im Fernsehen eine kleine Poetry Slam Session einzulegen. Zwei Jahre später folgte der erste richtige Poetry Slam in einer Chicagoer Bar. Das Phänomen breitete sich schnell aus und 1989 fand der erste Poetry Slam in New York statt. Unter anderem wurde durch den Literaturaktivisten Bob Holman der Musiksender MTV auf die Slammer aufmerksam. Seit 1997 gibt es in den USA sogar den Dachverband Poetry Slam Incorporated, dessen Ziel es ist, das Format des Poetry Slams zu unterstützen und zu verbreiten. In Deutschland finden derzeit regelmäßig etwa 70 Poetry Slams statt.


“Poetry Slam findet immer mehr Anhänger, aber andere steigen auch wieder aus”, sagt Tesfu. Deshalb bliebe der Kreis der Slammer überschaubar, meint er. An seinen ersten Slam kann Tesfu sich noch erinnern. “Vorher war ich schon ein wenig aufgeregt,” gesteht er, “aber es ist gut gelaufen, ich habe den vierten Platz belegt.” Bei deutschsprachigen Poetry Slams winkt dem Gewinner oft ein Geldpreis. Doch dafür muss er erst die Jury überzeugen. Und die Jury ist das Publikum, das mit Applaus oder Zetteln klar machen muss, für wen es stimmt. Anders ist die in den USA, wo eine Jury aus fünf Zuschauern gebildet wird, die von einem Punkt bis zehn Punkte alles vergeben können. Was die Slammer vortragen, ist nicht festgelegt. Moderne Literatur, Comedy oder klassische Prosa oder Lyrik – alles ist drin. Einigen wird vielleicht noch die spontane Slam-Einlage aus dem Film “8 Mile” in Erinnerung sein. Dass Poetry Slam süchtig machen kann, weiß Tesfu nur zu gut. Er ist bisher schon durch ganz Deutschland gereist, um vor anderen Menschen aufzutreten und seine Gedichte vorzutragen. Wenn es im Herbst zum Studium nach Marburg geht, hofft er, sein Hobby weiter verfolgen zu können.