Interkulturelle Kommunikation

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Foto: Maximiljan Reth


Barfuß zwischen den Kulturen

In der Werkzeug-AG über interkulturelle Kommunikation entbrannte ein reger Schlagabtausch über Gewissensfragen in Liebesdingen und das Miteinander der Kulturen

Von Nico Rybacki


Eklig, nass, feucht – mein Fuß steht in einer pitschnassen Fußmatte. Ich bin schon viel zu spät. Möglichst unauffällig öffne ich die Tür des Dachgeschosses und sehe: Weiß.. nichts als weiß. Sonnenlicht scheint grell aus vielen kleinen Fenstern und wird von der weißen Farbe der Wände reflektiert. Ich bin so geblendet, dass sich die Details des Raumes erst nach und nach mit feinen Linien in mein Blickfeld zeichnen. Die Umrisse einiger Holzbalken, die den lang gezogenen Raum stützen, werden sichtbar. Langsam taucht eine 12-köpfige Arbeitsgruppe in der Mitte des Raumes auf. Bitte nicht noch ein langweiliger Vortrag in meinem Leben, denke ich mir, als ich in den Gesichtern der anderen eher Langeweile als Enthusiasmus lese. Ich erhasche den letzten freien Platz und ziehe gelangweilte und neugierige Blicke auf mich.

Gelassen ins Thema

Kristin Horn – nein nicht die Schlagersängerin – stellt sich als Dozentin vor und eröffnet den Workshop für “Interkulturelle Kommunikation”. Klingt zunächst einigermaßen langweilig: Interkulturelle Kommunikation.. Aber ich bin zuversichtlich. Schließlich kenne ich Kristin schon aus anderen Seminaren und weiß, dass sie bisher noch in jedem Workshop für Spannung und Unterhaltung gesorgt hat. Sie ist eine wirkliche Expertin, auch wenn man es ihr auf den ersten Blick nicht ansieht. Ihre Haare sind schulterlang und leicht gelockt, sie ist ungeschminkt und trägt ein einfaches schwarzes T-shirt und eine lässige Schlabberhose, die ihr zu tief hängt. Ihre Sandalen zog sie vorher aus. Sie macht einen lässigen Eindruck. Ihre spielerische Einleitung weckt meine Lust auf mehr.

Wir teilen uns in vier Dreiergruppen und platzieren uns cirka zehn Meter voneinander entfernt gegenüber der anderen Gruppen. Jetzt sollen wir uns gegenseitig beschreiben, ohne dabei mit der anderen Gruppe zu sprechen. Nicht ganz einfach, gerade weil wir uns alle untereinander nicht kennen. Ich diskutiere lang und breit mit meinen Gruppenkollegen: Was würde diese und jene Person am liebsten essen? Welche Musik würde sie hören? Was für Gedanken teilen wir? Fragen über Fragen, aber alles sehr vage.

Zeig mir was du anhast, ich rate, wer du bist

Nachdem wir wieder zusammengerückt sind und uns in der Erwartung der Antworten schon unterdrückt angrinsen, müssen die Personen, die von einer Gruppe beschrieben werden sollen, der Reihe nach aufstehen. Ja, du lachst wohl, lieber Leser, auch ich muss aufstehen und mich begutachten lassen.

Als der Erste steht, kommen einige peinliche Lebenssituationen zur Sprache. Wir dichten spontan dazu, was das Zeug hält. Von Langeweile ist nichts mehr zu spüren. Es gibt Gelächter und große Augen. Ich darf ein Mädchen beschreiben. Sie hat kurzes, dunkles gestuftes Haar. Ich schätze sie auf den ersten Blick ein wenig streng ein.

Ihre Kleidung passt nämlich zur adretten Frisur: Einfaches rotes T-Shirt unter einem leichten, aber auffallenden schwarzen Stoffkorsett. Ein knielanger Rock, dunkle Ballerinas. Sie ist stark geschminkt und während ich versuche, sie zu beschreiben und das alles auf meinen Fetzen Papier zu kritzeln beginne, lächelt sie jedes mal, wenn sie meine Blicke auf sich zieht. Mir geht es genauso, echt peinlich hier. Leider liege ich voll daneben: sie beschreibt sich selbst als eine lockere, überhaupt gar keine strenge Person. Oh nein.. Griff ins Klo!

Zum Glück nimmt sie mir das nicht übel und freut sich, dass ich sie ansonsten als freundlich und lieb einschätze. Sie liebt Bücher, denke ich, und ich hoffe, dass es stimmt. Ich rate weiter und denke, dass sie sehr aktiv ist und gern mit Freunden ausgeht. Sie stimmt zu, mit einer kurzen Beschreibung ihrer “Home-Bibliothek”. Yes, Volltreffer!

Zwischen Kai, Bernd und Abraham – Anches Elend mit der Liebe

Die Stimmung ist jetzt sehr entspannt, ich fühle mich pudelwohl. Dann erzählt uns Kristin eine Geschichte: “Anche hatte einen Freund, den sie nicht mehr erreichte, ein großer, breiter reißender Fluss behinderte sie, zu ihrem Geliebten, Bernd, zu gelangen. Sie war so verzweifelt, dass sie zu Abraham lief und ihn bat, sie mit seinem Fischerboot über den Fluss zu bringen, aber nur unter der Bedingung, dass sie mit ihm schliefe. Entsetzt rannte Anche zu ihrer Mutter und berichtete. Die Mutter schien aber unberührt und wollte mit der ganzen Situation nichts zu tun haben. Nun wusste Anche sich nicht mehr zu helfen und dachte sich: “Naja, wenn das nur einmal passiert und ich dadurch zu meinem geliebten Bernd komme….” – und sie schlief mit Abraham.

Abraham brachte sie dann, wie versprochen, auf die andere Seite des Flusses, wo Bernd schon wie auf heißen Kohlen sitzend wartete. Beide fielen sich in die Arme und freuten sich! Aus ihrem schlechten Gewissen heraus erzählte Anche Bernd die Geschichte. Bernd geriet außer sich, machte Schluss und ging beleidigt, gekränkt und verletzt davon. Anche brach in Tränen aus und wurde dabei wiederum von Kai beobachtet, dem besten Freund von Bernd. Er ging zu ihr hin und fragte sie, was passiert sei. Anche erzählte ihm alles; Kai ging wiederum zu Bernd, verprügelte ihn kurzerhand, kehrte zu Anche zurück und kam mit ihr zusammen.” Was für eine Story.

Fragen von Moral und Gewissen

Wir verfolgen die Geschichten mit großen Augen und sind leicht geschockt. “Krass, was der Kai da getan hat, seinen besten Freund so zu betrügen, so’n Arsch.”, denke ich mir. Wir kramen weiterhin die abenteuerlichsten Theorien aus den Taschen, darüber, wie wir mit diesem und jenem umgehen würden, wenn wir in Anches Situation wären. Kristin stellt uns eine Aufgabe: Wir sollen die Namen der 5 Personen nennen und in eine Reihenfolge bringen und zwar so, dass der oberste Name von demjenigen ist, der am wenigsten Schuld hat und der Unterste mit der meisten Schuld. Eine heiße Diskussion entbrennt und alle präsentieren ihre Liste. Nachdem wir Eindrücke über Meinungen, Erfahrungen und Begründungen des Ein oder Anderen sammelten, hat uns auch schon die Uhrzeit befreit: Zeit zum Mittagessen.

Nachmittags beschließen wir, den Workshop nach draußen auf die Wiese vor dem Gebäude zu verlegen. Wir legen uns mehrere Decken auf das vom Regen noch feuchte Gras und legen uns entspannt hin. Der Wind weht leicht und lässt uns neue Energie für die nächste Aufgabe schöpfen. Schnell helfe ich Kristin, eine große Pinnwand auf die Wiese zu tragen. Darauf erstellen wir ein großes “Eisberg-Modell” und sammeln auf einem großen Papier kulturelle Unterschiede: Was ist von außen sichtbar, welche Unterschiede ergeben sich zwischen den Menschen?

“Das hat was von Vollkommenheit”

Spannende Fragen. Es geht darum, wie die verschiedenen Kulturen miteinander leben und sich in einer zusammenwachsenden Welt entwickeln.

Nach der Diskussion zeigt Kristin auf einem Diagramm anhand verschiedener Kriterien, wie Kulturen sich voneinander unterscheiden, zum Beispiel hinsichtlich der Individualität des Einzelnen oder der Verbreitung hierarchischer Organisationsformen. Ich bin verwundert. So wusste ich zum Beispiel nicht, dass Schweden eines der Länder ist, in dem die Gleichberechtigung der Geschlechter schon weit fortgeschritten ist.

Eigentlich interessant, das alles. Aber in der warmen Sonne werde ich ganz entspannt bis träge, sodass ich mich hinlege, um besser zuhören zu können. Leicht gedämpft höre ich noch, wie die Gruppe beginnt, darüber nachzudenken, inwiefern Länder wie Deutschland, Japan oder die USA sich in diesem Diagramm verändern könnten. Kristins nackte Füße wandern im Gras umher.

Nach der AG schlendere ich mit den anderen zum Essen und male mir dabei aus, wie meine Persönlichkeit sich verändern würde, wenn ich einige Jahre in verschiedenen Ländern lebte. “Das hat was von Vollkommenheit”, kommt mir in den Sinn.