Impressionen 09


Pfingstkontrolle im Spionagezug
Wie viel Paranoia verträgt die Gesellschaft? Über abstruse Zusammenhänge zwischen einer Bahnfahrt und einem Pfingstseminar in Zeiten des Überwachungswahns, Eine Glosse von Philipp Cragg de Mark


Multikulti mit Volksfestcharakter
Verwirrte Dänen im bayrischen Kostüm, sambatrommelnde Lateinamerikaner, viel Elektro und dann auch noch Falafel mit Erdnusssoße: An Pfingsten fand der 14. Karneval der Kulturen in Berlin statt. Aber ist das Spektakel auch was für den Rheinländer?
Von Anja Maxrath


Karneval der Kulturen,
ein Audiobeitrag von Benedikt Villwock und Sophia Müller


Zitat zum Tag aus den Plena



Pfingstkontrolle im Spionagezug

Wie viel Paranoia verträgt die Gesellschaft? Über abstruse Zusammenhänge zwischen einer Bahnfahrt und einem Pfingstseminar in Zeiten des Überwachungswahns

Eine Glosse von Philipp Cragg de Mark


Freitag, der 29.05.2009, 13 Uhr. Ziel: Pfingstakademie im wannseeFORUM, Berlin.

Ich sitze hier. Im Zug. Besser: auf dem Klo. Ich höre die Räder auf den Gleisen schleifen, das Strömen der Spülung und “ was mir am meisten Angst macht “ ein Summen. Ist es vielleicht eine Spitzelattacke von Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, wie ich es heute in einer dieser fettgedruckten Schlagzeilen am Kiosk vorm Bahnhof gelesen habe? Na klar: Das Summen MUSS von einer Überwachungskamera kommen.


Moment mal. Ich sitze hier in einem Zug der Deutschen Bahn und werde auf dem Weg ins wannseeFORUM ausspioniert? Langsam fühle ich abwechselnd Kälte- und Hitzewellen in mir aufkommen. Ich bin ja keine ängstliche Person, aber das plötzliche Zucken in meinem rechten Fuß kommt nicht von irgendwo her! Werde ich verdächtigt, eine korrupte Beziehung zum wannseeFORUM zu pflegen? Hat nicht vielleicht auch das wannseeFORUM eigene Mitarbeiter ausgespäht, um korrupte Beschäftigte aufzuspüren? In einer Überwachungsgesellschaft scheint alles möglich. Und anscheinend ist es inzwischen gar egal, ob man Mitarbeiter eines Unternehmens ist oder nicht – selbst vom Staat wird man ausgespäht.


Sicherheit soll Freiheit schützen, das gab Herr Sch**bl* kürzlich zu verstehen (aus Sicherheitsgründen nenne ich seinen Namen an dieser Stelle lieber nicht). Auf einmal rasen mir all diese Schlagzeilen durch den Kopf. Das Puzzle vervollständigt sich. Ich denke  an den Skandal um Lidl, ein Konzern, der unzählige Beschäftigte soweit ausspioniert haben soll, dass selbst in den Toiletten für das Personal Kameras installiert wurden. Auch ich befinde mich hier auf einer Toilette. Lidl, Bahn “ gibt es da eine Verbindung? Mir läuft der Schweiß die Wange runter. Bei der Bahn wurden 173 000 von 240 000 Mitarbeitern ausgespäht, das sind 72 Prozent des Unternehmensbestandes. Hunderttausende Verbindungsdaten wurden zudem bei der Telekom ausspioniert. Ach du meine Güte.


Hoffentlich arbeiten die Bahn und Telekom nicht auch noch zusammen, denke ich mir. Man stelle sich vor, ich bin mit meinem eingeschalteten Handy in einem Zug der Deutschen Bahn unterwegs. Im Zug sind die Kameras und von den Satelliten der Telekom wird das Bewegungsprofil meines Handys aufgezeichnet. So wurden schließlich auch die Verbindungen zwischen Telekom-Vorständen und Journalisten aufgespürt. Mir wird plötzlich ganz übel.


Die Bahn fährt weiter, ich sitze im Zug, es rauscht. Ich versuche mich zu beruhigen. Dann aber denke ich mir, kann es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem Summen auf der Toilette und meiner Reise zum Pfingstseminar geben? Will vielleicht sogar Herr Rauscher, der Initiator der Pfingstakademie, etwas über mein Wohlbefinden auf dem Weg zum Seminar herausfinden? Will er vielleicht wissen, was ich auf langer Fahrt in einem Zug mache? Ich rausche mit der Bahn, Rauscher kann überall sein. Ich denke weiter: Ist Herr Rauscher vielleicht sogar ein Bahnangestellter? Soll ich lieber wieder umkehren? Vielleicht spezialisieren sich Unternehmen wie die Bahn und Telekom sogar schon auf Spionageaffairen? Oder will Herr Rauscher gar der Wirtschaftskrise entgegenwirken, indem er das Ausspionieren als Marktlücke entdeckt hat? Wirre. Doch bevor ich all diese Gedanken zu Ende führen kann, bremst der Zug plötzlich ab. Ich bin angekommen.

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Multikulti mit Volksfestcharaker

Verwirrte Dänen im bayrischen Kostüm, sambatrommelnde Lateinamerikaner, viel Elektro und dann auch noch Falafel mit Erdnusssoße: An Pfingsten fand der 14. Karneval der Kulturen in Berlin statt. Aber ist das Spektakel auch was für den Rheinländer?

Von Anja Maxrath


“Alaaf! Strüssjer!” Ach nee, doch nicht. Wir sind ja in Berlin. Beim Karneval der Kulturen werden keine Kamelle, zu Hochdeutsch: Süßigkeiten, Bonbons, geworfen, sondern es fahren
um die 100 Wagen, vollgepackt mit den Menschenmassen, durch die Straßen von Berlin-Kreuzberg. Es ist Pfingsten, wir schreiben den 31. Mai. Es ist heiß bis erdrückend schwül an diesem Tag, ein Gewitter bahnt sich an. Hier scheint was zu passieren.

Ich bin 23 Jahre jung und bin nicht zum ersten Mal in Berlin. Aber ich bin zum ersten Mal auf dem Karneval der Kulturen. Als geborene Rheinländerin aus dem schönen Köln bedeutet das für mich zunächst eine Art Kulturschock: Kein Schunkeln, keine Karnevalslieder, statt dessen Techno, Reggae, und und und.


Umzug findet jedes Jahr am Pfingstsonntag statt

Egal, wo man hinschaut, Menschen verschiedener Kulturen schieben sich durch die vollen Straßen der Hauptstadt. Die einen sind bunt gekleidet, die anderen kommen in zivil. Es gibt afrikanisches, mittel- und südamerikanisches Essen, gefilzte Taschen und Batikkleidung. Traditionell findet der Umzug am Pfingstsonntag im Berliner Stadtteil Kreuzberg statt – begleitet von einem viertägigen Straßenfest. Noch im letzten Jahr zogen etwa 4.500 Menschen aller Kulturen durch die Straßen, die mit lauter Musik und viel Fröhlichkeit vor allem für Integration und Toleranz plädiert haben. Auf dem Straßenfest waren etwa 990 Künstler und Aussteller anwesend, und es hat sich gelohnt: Das kulturelle Spektakel hat rund 1.55 Millionen Zuschauer angezogen. Eine Größenordnung, die durchaus mit der Love Parade 2008 vergleichbar ist, für die etwa 1.6 Millionen nach Dortmund kamen.


Karneval der Kulturen versus Love Parade

Die mit wummernden Bässen und tanzenden Menschen bestückten Umzugswagen erinnern mich sogar ein wenig an die Love Parade. Mit dem Karneval, den ich gewohnt bin, hat der Umzug hingegen wenig zu tun. Trotzdem ist es toll, so viele verschiedene Kulturen auf einem Fleck zu sehen – und zu riechen. Auf dem Straßenfest werden Speisen aus aller Welt angeboten. In der einen Ecke duftet es nach russischen Blinis, dann nähere ich mich einem afrikanischen Stand und es riecht eher nach südlichen Gewürzen und Falafel. Ein Stück weiter gibt es asiatisches Essen und es riecht nach Reis mit chinesischem Gemüse. Wer Durst hat, der trinkt Cocktails aus Kaktusfeigen mit einem Strohhalm. Oder russischen Vodka. Und zwischen all den Essens- und Getränkeständen gibt es immer wieder Stände von Hilfsorganisationen, die auf die miserable Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen oder die Fairtrade-Produkte verkaufen wollen: Schließlich kommen selbst Veganer auf ihre Kosten und können Essen ohne tierische Produkte genießen.


Jede(r) kommt auf seine Kosten

Für jeden ist etwas dabei und jeden soll auch Idee des Karnevals der Kulturen inspirieren. Gerade in der Großstadt Berlin mit ihren etwa 450.000 ausländischen Einwohnern sind gegenseitiger Respekt, Toleranz und Integration ein wichtiges Thema. Und vor dem Hintergrund steigender Zuwanderungszahlen nach Berlin macht so ein Umzug Sinn. Ziel ist es, dem Rassismus und dem Nationalismus die Stirn zu bieten. Seit 1996 versucht der Karneval der Kulturen, der von der Neuköllner Werkstatt der Kulturen ins Leben gerufen wurde, genau das zu schaffen: Menschen vieler verschiedener Kulturen zumindest an einem Tag zu verbinden. Die Werkstatt versteht sich selbst als “Zentrum des wechselseitigen Kulturtransfers”, das es darauf anlegt, die künstlerischen Fähigkeiten der verschiedenen Kulturen religionsübergreifend zu fördern und vor allem auch nach außen hin für jeden sichtbar zu präsentieren. Augenscheinlich ist das keine schlechte Idee. Aber steckt da nicht noch mehr dahinter? Immerhin ist eine Menge Geld mit im Spiel. Und nicht jeder Zuschauer kommt vorbei, weil er Toleranz und Integration untertreichen will. Für mich hat der Umzug eher Volksfest-Charakter. Man kommt vorbei um Party zu machen, danach sieht die ganze Sache wieder anders aus.


Karneval läutet den Anfang der Fastenzeit ein

Der Karneval der Kulturen hat auch mit der eigentlichen Bedeutung des Karnevals wenig zu tun. Egal, ob Fasching, Fasnet, Karneval oder Fastelovend, der eigentliche Begriff des Karnevals spielt auf den Anfang der Fastenzeit an. Karneval ist abzuleiten von den lateinischen Wörtern “carne vale”, die frei übersetzt so viel heißen wie “Fleisch, lebe wohl!”. Gefeiert wird der Karneval in vielen verschiedenen Ländern, doch bei allen ist eins gleich: Fröhliche, ausgelassene Menschen feiern in Kostümen und maskiert oder geschminkt auf den Straßen. In den Karnevalshochburgen am Mittlerhein wird der Karneval traditionell am 11. November um 11:11 Uhr eingeläutet. Doch so richtig geht es erst Weiberfastnacht los. Das ist meist Anfang bis Mitte Februar und läutet eine sechstägige Feierphase ein, deren Höhepunkt der Rosenmontag ist, an dem die Umzüge in den größten Städten stattfinden. Alles nimmt am Aschermittwoch, dem Mittwoch nach Rosenmontag, ein jähes Ende und die Fastenzeit beginnt.


Multikulti in einer anderen Größenordnung

Beim Schlendern durch die Straßen kann ich eine Vielzahl von verschiedenen Menschen beobachten. Viele tragen bunte Kleidung, afrikanische Frauen sind in traditionellen Gewändern unterwegs und ich sehe sogar eine Frau, die in Lack und Leder mit Metallhalsband unterwegs ist. Ihr Mann macht Kontrastprogramm und ist im roten Anzug mit rotem Zylinder unterwegs. Als Kölnerin bin ich zwar “multikulti” gewöhnt, dennoch ist Berlin für mich noch mal eine Nummer größer. Auch wenn ich hier nicht die Herzlichkeit finde, die zuhause zu Zeiten des Karnevals herrscht und der Berliner eher für sich bleibt, finde ich den Karneval der Kulturen durchaus interessant. Viele Menschen tanzen auf den Straßen, einige schließen sich den Wagen an, dessen Musik am liebsten mögen und folgen ihm tanzend durch die Stadt. Eines muss man den Teilnehmern des Umzugs ohnehin lassen: Die Musik lädt zum Mittanzen ein und auch das Essen ist super. Zwischen all den außergewöhnlichen Angeboten, ist es gar nicht so einfach, sich für ein Gericht zu entscheiden. Schließlich esse ich eine Falafel mit Erdnusssoße – eine Kombination, die ich vorher noch nicht probiert hatte. Aber lecker. Und ich nehme mir fest vor, auch mal in Köln öfter Falafeln essen zu gehen.


Verwirrte Dänen im Bayern-Kostüm

Auf dem Rückweg treffe ich plötzlich dänische Jugendliche in der Bahn. Der eine hat sich einen Tigerfellrock gebastelt und turnt mit nacktem Oberkörper durchs Abteil. Sein Kollege geht als Bayer mit Lederhose und Hut durch, der andere hat sich in einen Malerkittel geschwungen. “Ich dachte, man verkleidet sich für den Karneval”, sagt der Tigerfell-Däne. “Aber anscheinend sind wir die einzigen, die das gemacht haben”, meint er schulterzuckend. Schnell nimmt er noch einen Schluck aus der Flasche und das Kleidungsproblem ist auch schon vergessen.

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Zitat zum Tag aus den Plena

Sa, 30.5.09:

“An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die Schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.”
Erich Kästner


So, 31.5.09

“Nicht Macht korrumpiert den Menschen, sondern die Angst.”
Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin 1991


So, 1.6.09

“Alle Revolutionen haben nur eines bewiesen: dass sich alles ändern lässt, nur nicht die Menschen.”
Karl Marx