Ein Mal ein Snapchatstar sein

Selfies hier, Geister da. Wie ich mit 10 Sekunde Bewegtbilder was aussagen wollte. Ein Selbstexperiment

Von Jessica Kuhn (hat zwar Snapchat, wird aber nie damit ihren Unterhalt begleichen können).

„Heeey, ihr Lieben!“

ist wahrscheinlich der typischste Satz eine*s*r jeden Youtuber*in, eine*s*r jeden Vlogger*in und eine*s*r jeder Snapchatkünstler*in. Doch muss man sich nicht fragen, mit wem sprechen die denn eigentlich? Vor 20 Jahren wurden Selbstdarsteller*innen wie BibisBeautyPalace nur schief von der Seite angeschaut, wenn sie oder er einem Miniaturfernseher von seinem Mittagessen erzählt und dabei stolz seinen Sojakaffeelatte in die Kamera posiert. Schon eine sehr spannende Entwicklung haben unsere „Socialmedia Promis“ durchgemacht: von einfachen Cocktailpartys zu Videomeetings mit „den Besten“. Davon abgesehen, dass wir nicht wissen, wem sie von ihrem spannenden Leben erzählen, wissen wir auch nicht, warum.
Ich haben den Selbstversuch gestartet und einen halben Tag mein Leben auf der App mit dem gesichtslosen Gespenst dokumentiert.
Dazu hat sich die Kulisse des „Worldcafés“ am Samstagnachmittag perfekt geeignet: überall junge Erwachsene, die sich mit verschiedenen Experten aus Politik, Kunst und Netz in Diskussionen austauschen konnten.
Angefangen mit typischen Worten „Hallo, alle zusammen. Wir sind hier auf dem Worldcafé der Pfingstakademie!“ und schon stoße ich auf die Frage, warum ich von mir in der 1. Person Plural spreche und wieso ich jemanden einweihen muss, wo ich mich befinde und was ich gerade mache. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kommt mir der Gedanke, dass ich mich vor jemandem präsentieren muss und meine Schokoladenseite aus der Silberfolie auspacken muss, damit „meine follower“ nicht das Interesse an mir verlieren.

Pfingstakademie Jugendbeteiligung 2016: Snapchat-Impressionen von Jessica from wannseeFORUM on Vimeo.

Auf ein mal wird mir klar, wieso sich Youtube-Bekanntheiten jeden zweiten Tag die Haare von einem blassblau zu einem schillernen Volksfestpink färben. Es geht hierbei darum, die Aufmerksamkeit „meiner follower“ nicht zu verlieren und sich immer wieder auf’s Neue vor meinen Fans zu behaupten. Dabei kommt mir der Gedanke an ein Kind, das ständig um die Liebe seiner Mutter kämpfen muss. Schon eine sehr komische Beziehungen von Star und Fan.
Auf meinem Weg durch die Menschenmenge hatte ich andauernd den Drang, mir neue Leute zu suchen und sie in meine Scheinwelt einzuweihen. Mit großer Verwunderung folgten die jungen Identitäten meinem Drang, ohne dass ich hätte ein Wort sagen müssen. Sofort sprangen sie vor die Kamera, die ungewöhnlich vor meinem Kopf schwebte. Sicherlich bekomme ich einen Tennisarm… Oder zumindest Muskelkater. Nicht nur ich befand mich perfekt in der Rolle der Snapchatbloggerin, sondern meine Mitspieler*innen haben sich in die leere Hülle des Peace zeigenden, schreienden und hysterischen Inszenierenden eingefügt.

Dabei hatten die Taten kaum einen Grund und auch keinen Inhalt, außer sich selbst vor „den anderen“ zu präsentieren und sein Leben schön zu zeigen. War es uns wirklich so wichtig, vor anderen gut da zu stehen? Und was würde es Unbekannte interessieren? Nach diesen Stunden mit gehobener Hand und umzingelt von Menschen, kam ich mir trotzdem sehr alleine vor. Einsam inmitten von allen. Mit voller Sicherheit kann ich sagen, dass es ein Spaß für den Moment ist, aber mich in meiner Persönlichkeit nicht erfüllt. Vielleicht gibt es den einen oder die eine, der oder die sich wohl ich dieser Welt der Selbstdarstellung fühlen. Ich gehöre wohl nicht dazu!

Titelbild: (c) Aileen Yue | Pfingstakademie