Bild von einen jungen Mann über den ein Flugzeug hinweg fliegt

Ich bin dann mal weg

Bild von einen jungen Mann über den ein Flugzeug hinweg fliegt

Paul Fleischer / www.jugendfotos.de, (CC by)

…und tu was Gutes! Nach dem Abi auf ins Ausland und Entwicklungshilfe leisten – aber hilft das denn wirklich? Und wenn ja, wem? Kritische Meinungen aus einem Workshop.


Fest steht: Immer mehr Jugendliche entscheiden sich für ein gap year nach dem Schulabschluss. Oft reisen Jugendliche auch in Entwicklungsländer, um dort einen Freiwilligendienst zu leisten – allein mit dem Programm „weltwärts“ des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung reisen jährlich über 4000 Jugendliche in ferne Gefilde. Seit 2008 flossen über 100 Millionen aus öffentlichen Mitteln in das Projekt. Welche Effekte haben solche kurzzeitigen Aufenthalte? Wem nutzt es? Im Workshop „Hier, Dort, Überall“ haben sich Jugendliche diese Fragen gestellt und über globale Arbeitsmöglichkeiten gesprochen. Wir stellen an dieser Stelle vier Personen und ihre Antworten vor.

 

Von Melissa Büttner


Alisa: „Helfen bildet dich“

 

porträt-2

 

Ich denke, dass ein Aufenthalt von Jugendlichen den Menschen in Entwicklungsländern nur kurzfristig hilft. Das Problem ist, dass immer neue und nicht ausgebildete Leute in Entwicklungsländer gehen, sich aber für die Menschen vor Ort nichts Grundlegendes ändert. Denn durch kurzfristige Aufenthalte können weder langfristige Bindungen zu den Menschen vor Ort aufgebaut noch Probleme ganzheitlich angegangen werden. Für wirklich Veränderungen braucht es Wissen und Zeit. Allerdings bringt es den Jugendlichen, die in Entwicklungsländer reisen, sehr viel, da sie sich weiter entwickeln können und neue Erfahrungen sammeln. Ein Perspektivenwechsel ist immer gut. Ich werde aber selbst nach dem Abi nicht ins Ausland gehen, da ich erstmal studieren will und keine Zeit verlieren möchte.

 

—————————-

Vicky: „Hilfe ja, wenn es Hilfe zur Selbsthilfe ist“

 

porträt-1

 

Ich persönlich halte es für schwierig, wenn Leute nur Auslandserfahrungen sammeln, um ihren Lebenslauf zu füllen. Wobei ich denke, dass die meisten ins Ausland gehen, um anderen Menschen zu helfen. Für mich sollte Entwicklungshilfe so aussehen, dass es Hilfe zur Selbsthilfe ist. Heißt: dass Lehrer beispielsweise in Entwicklungsländer gehen, um andere Lehrer fortzubilden, oder Bauingenieure vermitteln Wissen, weil es vor Ort nicht genügend Fachkräfte gibt. Problematisch sehe ich Projekte, über die sich Jugendliche für sechs Wochen nach Afrika begeben und denken, sie machen dort etwas ganz großartiges. Das Problem ist, dass wir im Westen oft meinen zu wissen, wie ein anderes Land zu funktionieren hat und dass wir unsere Vorstellungen auf fremde Kulturen projizieren. Das symbolisiert einen gewissen Machtanspruch.

 

————————

Lorenz: „Gut gemeint, aber eben doch nicht immer gut“

 

porträt-4

 

Es gibt heute sehr viele Jugendliche, die ihren Auslandsaufenthalt reflektiert angehen und sich den Grenzen ihres Handelns bewusst sind. Ich denke aber, dass den Jugendlichen oft die Qualifikation und langfristiges Erfahrungswissen fehlt, um wirklich etwas bewirken zu können. Auch finde ich es problematisch, dass Wissensaustausch oft nur in eine Richtung funktioniert, indem wir im Westen privilegiert sind, mittels vorhandener Ressourcen in ferne Länder zu reisen und vermeintlich anderen helfen zu können. Würde hingegen jemand aus Ghana sagen, er kommt nach Deutschland, um hier ein Entwicklungshilfeprojekt zu starten, würde jeder lachen. Schließlich sind wir ja nicht die, denen geholfen werden muss, weil wir doch so „gut entwickelt“ sind. So lange dieses Verständnis so absurd bleibt, kann gegenseitige Hilfe auch nicht gelingen. Zumal wir mit unserem Reisepass überall hin dürfen und können, im Gegenzug aber fast keiner außerhalb der EU zu uns kann. Das liegt zum einen an der zunehmenden Grenz- und Sicherheitskontrollen in der EU und scheitert auch oftmals schon am Geld. Hier sieht man, wie ungleich die Verhältnisse zwischen den Ländern sind. Das hat sogar schon einen kolonialen Touch.

 

————————————–

Maria: „Austausch statt Entwicklungshilfe“

 

porträt-3

 

Ich selbst werde nach meinem Abitur ein Jahr nach Ghana gehen. Ich will betonen, dass ich nicht dorthin gehe, um Entwicklungshilfe zu leisten. Dafür bin ich überhaupt nicht ausgebildet. Ich kann den Leuten vor Ort mit meiner Arbeit nicht helfen. In meinem Projekt geht es eher um weltweite Vernetzung und Austausch von jungen Menschen. Ich finde es gut, wenn Jugendliche Europa zeitweise verlassen um zu sehen, dass Jugendliche in anderen Ländern andere Lebensweisen haben, man sich aber trotzdem ähnlich ist. Außerdem funktioniert mein Projekt in beide Richtungen: zum einen bleibe ich in Ghana ein Jahr in einer Gemeinde, zum anderen unterstützen wir Jugendliche aus Ghana, um für ein Jahr nach Deutschland zu kommen. Es geht also weniger um Entwicklungshilfe als um kulturellen Austausch.