Der Kampf um die Brache

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Gärtnern gegen die Gentrifizierung: Für die einen ist das Ökoterror, für die anderen mehr Lebensqualität. In Berlin gibt es über 100 Gartenprojekte, über die Bürger neue Formen der Stadtgestaltung erproben. Wie hängen sicheres Betongold, exklusives Wohnen, urbaner Gemüsebau und subversiver Protest zusammen? Im Interview mit der Soziologin, Autorin und Gartenaktivistin Elisabeth Meyer-Renschhausen von der FU Berlin sprechen wir darüber.

 

Frau Meyer-Renschhausen, wann haben Sie das letzte Mal gegärtnert und etwas in die Erde gesetzt?

Zuletzt war ich heute Morgen auf dem Balkon, habe meine Setzlinge gewässert und überlegt, wann ich denn wohl mal Zeit haben werde, sie umzutopfen. Im Garten des Allmende-Kontors auf dem Tempelhofer Flugfeld, für das ich mich engagiere, war ich gestern, hatte aber wegen organisatorischer Aufgaben leider zu wenig Zeit, um gärtnerisch aktiv zu werden.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für das Thema zu engagieren?

Ich hatte mich nach der Wende mit dem Thema Ernährung befasst und ein Buch geschrieben. Über die landwirtschaftlich-gärtnerische Fakultät, an der ich für die rurale Frauenforschung zuständig war, hatte ich mit einem Kollegen der Soziologie in der Uckermark ein Forschungsprojekt. Da haben wir gesehen, wie wichtig die Gärten in Zeiten der Arbeitslosigkeit sind. Wir hatten damals die Arbeitsgruppe Kleinstlandwirtschaft und Gärten gegründet. Aussschließlich Theorie zu treiben fanden wir aber blöd, gingen zur Stadtverwaltung und sagten, dass die Brachen als grüne Lungen der Stadt erhalten bleiben und begärtnert werden sollen. Nach vielen Jahren Diskussion und einigen Seed-Bombs bekamen wir dann nach Jahren schließlich die erforderlichen Genehmigungen, erst für das Gleisdreieck und dann auch für das Tempelhofer Feld.

In den letzten Jahren erleben Urban Gardening-Projekte einen Schub. Inwiefern sind diese Gärten Plattform für politische Beteiligungsformen in der Stadtentwicklung und Stadtgestaltung?

Ich denke schon, dass das eine harte Demonstration gegen die Saatgutmonopolisten dieser Welt ist. Wir sind ja kurz vor einer Ernährungsdiktatur. Die wollen tatsächlich jedem Bauern dieser Welt aufdrücken, ihr Saatgut zu kaufen. Ganz egal, ob er das Geld hat oder nicht. In Bangladesh oder in Äthiopien haben die Menschen definitiv nicht das Geld, sind noch nicht einmal in den Weltmarkt integriert und sollen schon Saatgut kaufen. Das ist doch Perversion hoch fünf. Außerdem sind das dann nicht dem Landstrich angepasste Sorten. Da passt das gar nicht und das Gärtnern hat durchaus die Dimension des Protestes gegen die Eingleisigkeit der Politik. Nehmen Sie das Beispiel USA: In den USA waren die seit den 1990er Jahren gärtnernden Menschen in den gegründeten Gärten beispielsweise zuvor reine Ghettobewohner. Heute sind sie infolge der Gemeinschaftsgärten richtig integriert in die (New Yorker) Gesellschaft. Durch die Gärten werden Migranten zu „richtigen“, also aktiven (Staats-) Bürgern. Insbesondere junge afroamerikanische Frauen fahren von Markt zu Markt, müssen sich mit Künstlern und Aktivisten treffen und darüber nachdenken, welche rechtliche Besitzformen für die Gärten am besten sind. Diese Menschen sind über das Urban Gardening in die Gesellschaft reintegriert und gehen wieder wählen – als stolze BürgerInnen.

Sie erwähnen überwiegend die positiven Effekte des Urban Gardenings. Inwiefern sind urbane Gärten aber auch Triebfeder für eine Aufwertung von Nachbarschaften, die wiederum Mietsteigerungen zur Folge haben?

Ich denke, das wird alles ein bisschen überschätzt. In den USA habe ich zum Beispiel zwei Gärtner aus einem wunderschönen Garten ganz in der Nähe der großen Brooklyn Bridge getroffen. Die haben sich so darüber aufgeregt, dass ihr Gärten zur Gentrifizierung der Gegend beigetragen hätten, sodass sie vor lauter Empörung aufs Land gezogen sind. Sicher tragen die Gärten auch zur Aufwertung von Nachbarschaften bei. In Amerika sind es aber eher Defizite in der Stadtplanung, die Auf- und Abwertungsdynamiken maßgeblich beeinflussen. Die Gärten sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Hauptschuldige für Aufwertungsprozesse ist die Finanz- und Immobilienbranche sowie die Anleger.

Elisaebth Meyer-Renschhausen
Elisaebth Meyer-Renschhausen

Wie ist das speziell in Berlin?

Ich wohne in einem Haus, das schon dreimal verkauft wurde. Da kann man sich ausrechnen, dass jetzt ein neuer Mieter das Vierfache von meiner Miete bezahlt. Das ist die sogenannte Aufwertung. Da ist gar nichts passiert an der Wohnung, die ist nur einfach viermal so teuer geworden, weil die Wohnung verkauft und immer wieder verkauft wurde.

Wie verändern Gärten die Städte und die Lebensqualität? Wie verändern sie den Begriff von Stadt?

Die Städter haben dadurch mehr Sinn für das Land. Sie verstehen mehr über die Situation der Bauern und was auf dem Land vorgeht, dadurch wird vieles humaner. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus einer Londoner Nachbarschaft, einem Viertel, dass die damaligen Hausbesetzer erhalten, renoviert und begrünt haben: Die Bewohnerschaft ist seit 30 Jahren stabil und bietet eine ganz große Lebensqualität für die Menschen, die in diesem Stadtteil wohnen. Stabile Gruppen können Zugereiste viel besser integrieren, weil sie nicht so überfordert sind durch den ständigen Umbruch. In der eigenen Gesellschaft kann man sich prima mit den Behörden anlegen. Je älter man wird, desto besser weiß man, wie es funktioniert.

Gibt es Orte, an denen die Idee des Urban Gardening gescheitert ist?

Es gibt sechs gescheiterte Gärten in Berlin. Das hatte verschiedene Gründe. Teilweise waren es Top-Down Projekte, die nicht von Aktivisten gegründet, sondern von einer Immobilienfirma beim Neubau umgesetzt wurden. Zum Beispiel die Spandauer Wasserstadt. Dort sollte mit viel Geld ein Garten eingerichtet werden. Aber als junges Paar, das die teuere Miete in diesen Neubauten zahlen kann, daher viel Geld verdienen muss und zudem kleine Kinder hat, hat man bestimmt keine Zeit für einen Garten. Woanders haben sich die Interessen verschoben. Zum Beispiel sollten im Berliner Osten Russen und Vietnamesen einen interkulturellen Garten gemeinsam betreiben, aber die russische Community war so stark, dass sie die Vietnamesen verdrängt haben.

Urban Gardening Projekte zeichnen sich oft durch temporäre Nutzungen auf urbanen Brachflächen aus. Oft müssen die Projekte innerstädtisch umziehen. Ist es schon vorgekommen, dass bei Gartenumzügen die Community weggebrochen ist?

Ja. Zum Beispiel der Garten „Rosa Rose“ aus Berlin musste zweimal umziehen. Von der ursprünglichen Gruppe sind bis zu zwei Drittel weggebrochen, obwohl sie nur zwei Straßen weiter gezogen sind. Auch auf dem Gleisdreieck wurde der Garten verlegt. Da wurde über den Willen der Bürger hinweg entschieden, die sich über 20 Jahre für Gemeinschafts-Gärten respektive den Erhalt des wilden Grüns eingesetzt hatten. Die Hälfte der Gruppe hat danach aufgehört oder ist woanders hingegangen. Das ist natürlich schade für diejenigen der Gruppe, die da noch sind. In dem Fall war es besonders schön, dass es eine bunte Mischung von Menschen war. Das ist jetzt leider nicht mehr so. Aber natürlich ist es trotzdem gut, dass der Garten erhalten geblieben ist. Dennoch gehen bei Umzügen oft die richtig Aktiven verloren.

Wie schätzen Sie die Entwicklung im von Arbeitslosigkeit geprägten Detroit ein, wo Gärtnereien auf den Dächern der Supermärkte entstanden sind. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Kommt das auch nach Europa? Oder ist hier die Not noch nicht groß genug?

Doch, auf jeden Fall. Es gibt jetzt Tagungen zu dem Thema und das weckt natürlich das Interesse von Architekten und Investoren. Ich bin mir aber nicht sicher, was den ökologischen Fußabdruck dieser Form von Landwirtschaft angeht, aber dass man Flachdächer begärtnert, ist in jedem Fall sinnvoll.

Urban Gardening ist oft geprägt vom Ehrenamt der Aktivisten. Wird es künftig zu einer Ökonomisierung der urbanen Landwirtschaft mit festen Geschäftsmodellen kommen, die dann zur echten Konkurrenz der Urban Gardening Communities werden?

Das ist schon so. In Detroit gibt es jetzt schon Investoren, die den Gärten Konkurrenz machen. Das finde ich hochgradig problematisch, denn genau wie die große Biolandwirtschaft machen diese die Diversität und Chancen der Kleinen wieder kaputt. Es ist ja auch gut, wenn die kleinen Gärten auf lokalen Märkten verkaufen können. Die Stadt Berlin hat zu dem Thema sogar das Programm „Produktive Stadtlandschaften“ aufgelegt. Bisher ist da aber noch nicht viel passiert, während die Berliner Politik ihre Landwirtschaft (verwaltungsmäßig) nach Brandenburg quasi verschenkt hat. Aber man überlegt in der Verwaltung, diese Fehlentscheidung wieder zurück zu nehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!