Besser statt mehr


Foto: Mina Dietz

Muss alles immer wachsen und „größer“ werden? Nö.
Wer die Energiewende voranbringen möchte, muss vieles einfach nur besser machen.
Ein Kommentar von Lorenz Seibl

Was die meisten Teilnehmenden der Pfingstakademie 2012 verbindet, dürfte die Tatsache sein, dass sie in oder an Projekten arbeiten. Doch wie könnte man diese Arbeit gedanklich mit der „Energie(w)ende“ quer schneiden?

Ich will mich an dieser Stelle ungern mit Begriffsdefinitionen zu „Projekten“ aufhalten – dafür gibt es auch zu viele verschiedene Sichtweisen. Theoretisch wäre zwar auch ein Projekt denkbar, das das Bestehende beibehalten will – gerade im Umweltbereich sind solche im eigentlichen Wortsinn „konservativen“ Bestrebungen verbreitet. Aber im Grunde will fast jedes Projekt etwas „Neues“ entstehen lassen. Sehen Menschen kein Ergebnis ihrer Arbeit, das ihnen zumindest „neu“ vorkommt, werden sie demotiviert und lassen die Eddings das nächste Mal lieber liegen.

Die entscheidende Frage, die ich mir dabei stelle: ist dieses „Neue“ immer automatisch auch „mehr“? Anders gefragt: Muss es immer „mehr“ sein, um als erfolgreich zu gelten?

Hier schließen sich weitere Fragen an: Wenn beim letzten Mal das Papier fast ausgegangen ist, muss man dann fürs nächste Mal gleich doppelt so viel kaufen? Muss die Anlage auf dem Schulkonzert jedes Jahr lauter werden? Ist es erstrebenswert, jedes Jahr mehr Besucher auf dem Festival zu haben? Oder gibt es Dimensionen, die einfach gut funktionieren, und bei denen man bleiben möchte?

Und wenn man die letzte Frage für sich mit „ja“ beantwortet, muss das noch längst nicht heißen, dass es keine Projekte und nichts „Neues“ mehr geben wird. Das zeigen Beispiele von Unternehmen verschiedenster Branchen, die nicht mehr wachsen wollen. Stattdessen wollen sie besser werden: langlebigere Produkte herstellen; besseren Service und Reparaturdienst anbieten; noch erfolgreichere Ideen entwickeln; und dadurch höhere Gewinne erzielen – aber all das mit einer gleichbleibenden Zahl von Mitarbeitern, und mit einem gleichbleibenden oder sinkenden Ressourceneinsatz. Ökonomisches Denken und Handeln bildet also keinen zwingenden Gegensatz zu Ökologie.

Es ist im Prinzip ein alter Hut: auch in der jugendlichen Projektarbeit stünde es uns gut zu Gesicht, nicht immer unbedingt „größer“ zu denken, sondern auch mal „besser“. Nicht nur auf die Quantität zu schielen, sondern in einen Qualitätsdiskurs einzusteigen. „Entwicklung statt Wachstum“ – wer das googelt, findet ein Motto, das auf dem besten Weg zum common sense ist.

Dieser Beitrag wurde am von unter PA 2012 veröffentlicht.

Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.