Wer tritt hier wem bei? Was wir aus unserer Wiedervereinigung lernen können – und müssen!

Der Autor dieses Essays wurde 1992 eingeschult. Er ist in Westdeutschland zur Schule gegangen. Dass es „West“-Deutschland war, war ihm nie bewusst. Denn der Westen war das Normale. So normal, dass für eine andere Normalität kein Platz mehr war. Das muss sich schleunigst ändern – damit wir mit unserer Normalität nicht alle anderen platt bügeln.

Von Lorenz Seibl, 33. Die letzte Mauer die er überwunden hat, war die Mauer der Angst, zum ersten Mal selbst eine Hängematte aufzuhängen.

Oktober 1990. An diesem Tag tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei. In der Gesetzessprache heißt das „Herstellung der Einheit Deutschlands“. Der 3. Oktober ist heute ein Feiertag, der Tag der Deutschen Einheit, bei dem die „Wiedervereinigung“ gefeiert wird. An so viel kann ich mich sogar noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern. Danach ist dann auch nicht mehr viel passiert – zumindest in der Schule: Wiedervereinigung, Ende des Kalten Krieges, Ende der Geschichte.

Aber nochmal zurück zum Anfang: Die Wiedervereinigung ist also faktisch eigentlich einen Beitritt gewesen. Und bei einem Beitritt ist es naturgemäß so, dass es das „Eine“ gibt, zu dem ein „Anderes“ beitritt. Und genau diese Existenz des „Anderen“ ist in dieser Konstellation das Problem. Also nicht dass es existiert, sondern, dass es als anders definiert wird. Und damit geht, zumindest in meiner westdeutschen Schule und Erziehung, eine Abwertung einher: Da die DDR schlecht, ein Überwachungsstaat und eine Diktatur war, war alles darin, ebenfalls irgendwie komisch und schlecht. Die Wirtschaft sowieso, die Straßen, das politische System, einfach alles. Ganz schön schwierig, hierbei die Menschen, die in der DDR gelebt haben, nicht auch mit in den Topf zu werfen – den Topf, auf dem „komisch“ und „anders“ steht.

Wenn ich mir das nun mal umgekehrt vorstelle: Wenn nicht ich die Normalität gewesen wäre, sondern das Unnormale; das Defizitäre, das vorher nichts wert war, und erst durch einen Beitritt etwas wert wird; Arbeit und Betriebe, die nichts mehr wert sind; mein ganzes Leben soll eine Lüge gewesen sein? Durch dieses Gedanken-Experiment bekomme ich langsam ein Gefühl dafür, dass das damals hätte besser laufen können – und müssen.

Der Begriff „Hegemonie“ bezeichnet in der Politik- und Gesellschaftswissenschaft etwas, das so ähnlich ist wie „Normalität“, aber begrifflich noch etwas besser passt. Hegemonie ist eine Art bestimmendes Muster, das gerade in Alltagsdingen zum Tragen kommt – der „gesunde Menschenverstand“ etwa; mein Umfeld, aus dem ich meine Identität baue; der Rahmen, in dem ich Dingen Bedeutung gebe. Der Clou bei der Hegemonie: Es fühlt sich alles so normal an, sodass man gar nicht merkt, dass man in einer von Menschen gemachten Gesellschaft lebt, die prinzipiell auch anders sein könnte.

Und dass es vor allem auch Menschen gibt, die in „anderen“ Gesellschaften leben, die für diese Menschen „ihre“ Normalität darstellen. Und dann plötzlich gesagt bekommen: Das war alles gar nicht normal, Du musst Dich ändern. Schwierig.

So etwas provoziert – aus meiner Sicht – fast automatisch und völlig zu Recht Gegenreaktionen. Irgendeine andere Identität muss auf die Schnelle her, vielleicht eine nationalistische? Zur Not auch eine Identität als Opfer…

Insgesamt ist es zwar eine unangenehme, aber eine umso wichtigere Erkenntnis: ich selbst war und bin Teil einer Normalisierungs-Maschine, die anderen Menschen die Normalität abgesprochen hat. Die Hegemonie hat also voll zugeschlagen.

Das Entscheidende: So etwas sollte in Zukunft besser vermieden werden. Denn Gesellschaften sind immer im Wandel. Früher oder später hat man es immer damit zu tun, dass Menschen aus unterschiedlichen Gruppen zusammen kommen und „eins“ werden möchten. Ob das nun die europäische Integration ist oder Menschen von außerhalb Europas kommen: Es wird nicht funktionieren, wenn immer nur Wir das Gute, Wahre und Normale sind, dem die Anderen dann beitreten sollen. Die anderen sind genauso gut, wahr und normal. Und in Anerkennung dessen muss man bewusst hergehen und gemeinsam eine neue Normalität verhandeln.

Also: Hegemonie erkennen und hinterfragen – und vor allem die eigenen Privilegien, die sich daraus ergeben, erkennen und hinterfragen. Aber Obacht: Privilegien und Hegemonie sind schwer zu erkennen – gerade das macht sie ja so wirkmächtig. Damit die nächste Vereinigung mehr wird als ein Beitritt.

Bild – von Andi Weiland