Von Mauern, Barrieren und Idealen

‘Die Mauer muss weg 2.0!’ ist das Thema der diesjährigen Pfingstakademie. Der inhaltliche Einstieg wurde von Daniel Kubiak, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin, in Form eines Vortrages mit anschließender Diskussion gegeben. Wir berichten euch von der einführenden Veranstaltung und lassen einige Teilnehmende selber zu Wort kommen.

Von Juliane Mil, 21. Die letzte persönliche Mauer, die sie überwunden hat, ist es sich ein Katzennetz auf den Balkon zu hängen, damit ihr süßer Kater nicht aus dem siebten Stock springt.

Was ist jetzt genau eine Mauer? Ein gepflastertes Mauerwerk. Aha. Und sonst noch so?” Mauern haben die Funktion, Bereiche räumlich zu trennen bzw. zu begrenzen. Damit verbunden ist meist eine ordnende oder eine Schutz-Funktion, wie Windschutz, Sichtschutz, Schutz vor Flucht, Schutz vor Einbrechern, Schutz vor militärischem Angriff oder Gewalt, Schutz vor wilden Tieren, Schutz vor Hochwasser oder anderen Naturgewalten usw.”, sagt Wikipedia. Der Schutz-Aspekt steht also hier groß im Vordergrund. Wenn die Chinesische Mauer früher einer wichtigen Schutzfunktion unterlag, so ist sie heute in die Position eines kulturellen Erbes sowie einer touristischer Attraktion gerückt worden. 2015 existierten 65 Grenzmauern weltweit, berichtet Daily Mail UK. Doch welche Funktionen nehmen heutige Grenzmauern ein? Wen schützen sie genau? Und vor was?


Der am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin in der Identitätsforschung tätige Daniel Kubiak hat in seinem einleitenden Vortrag zur anschließenden Diskussion zwischen mehreren Kategorien an Mauern unterschieden. Beispielsweise soziale und physischen Mauern. Aber auch ein Ozean kann eine solche physische Mauer sein, merkte Teilnehmende Siri an. Es zeigt sich: Mauern grenzen nicht nur ab, sondern auch ein. Sie sind zweiseitig und die Physikalisierung einer Grenze – wie ein Werkzeug verwendbar, so Teilnehmender Sammy.
Soziale Mauern und Barrieren sind auf Abbildungen zu Statistiken zu Arbeitslosigkeit, Armut oder Nettoeinkommen deutschlandweit nachvollziehbar. Meist ist die Grenze zwischen der ehemaligen DDR und BRD klar erkennbar, sagt Daniel. Selbst heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, nimmt diese frühere Grenze Einfluss auf soziale Aspekte. Auf einer Darstellung einer Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sind die ungleichen Verhältnisse des durchschnittlichen Monatslohn zu erkennen. Eine weitere Abbildung der Bundesagentur für Arbeit unterstützt diese These.

Wenn man von Mauern spricht, vor allen von sozialen, sind Fragen nach Identität nicht weit entfernt: Laut dem Soziologen Richard Jenkins ist Identität ein Prozess, kein starres Konstrukt, nichts, das man besitzen kann, sondern eher ein immer wiederkehrender Prozess. Eine multidimensionale Identifikation, die immer stattfindet, und nie endet oder eine finale Form einnimmt.Identität bei jungen Deutschen ist keine Entscheidung und spielt eine beträchtliche Rolle. Sie ist relevanter denn je durch Sozialisation der Eltern, Identitätspolitik als Reaktion auf symbolische Abwertung, Othering von Ostdeutschen, sowie Machtverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland, wie Daniel mitteilte.Daniel stellt Analogien der symbolischen Abwertung, wie Opferstilisierung, Extremisierung und Migrantisierung vor, die in die Diskussion einleiten. Weitere Fragen wie ‘Welche Bedeutung haben symbolische Mauern, Ost-West, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund?’ und ‘Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Alten, Frauen und Männern, Städtler*innen und Dörfler*innen?’ führten zu interessanten Beiträgen in der Diskussion.
Wir haben anschließend einige Teilnehmende der Pfingstakademie befragt, wann und wie sie in ihrem alltäglichen Leben mit Mauern konfrontiert werden und gegen welche sie schon gelaufen sind.

George G. über Mauern gegen die er läuft.

George A. über unsichtbare und sichtbare Grenzen.

Sevim über persönliche Abgrenzung.

Rauja über zwischenmenschliche Barrieren.

Tamanna über das Überwinden von Mauern bei sozialen Kontakten.

– Titelbild – Juliane Mil | pfingstAKADEMIE
– Grafik 1 – Wikipedia – https://en.wikipedia.org/wiki/Separation_barrier
– Grafik 2 – Bundesagentur für Ernährung und Arbeit – https://www.landatlas.de/bevstruktur/lohn.html
– Grafik 3 – Bundesagentur für Arbeit – https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistische-Analysen/Analyse-in-Grafiken/Arbeitsmarkt-nach-Regionen/Arbeitsmarkt-nach-Regionen-Nav.html