„Gruppen sind immer falsch. Gruppen sind immer Quatsch“

Mauern stehen uns häufig physisch gegenüber. Bei der Fishbowl-Diskussion zum Abschluss des pfingstAKADEMIE-Thementages geht es dagegen um Mauern der anderen Art: soziale Grenzen. Und wie sie gemacht oder eingerissen werden können.

Von Lorenz Seibl, 33. Er nutzt Ubuntu und benötigt daher keine Firewall mehr.

Für eine gut gefüllte Stunde Diskussion begrüßt Moderatorin Saide Léraillé, Trainerin und Künstlerin, vier spannende Gäste im „inner circle” der Fishbowl. Das Besondere an dieser Variante einer Podiumsdiskussion besteht darin, dass in einem Setting eines großen Außenkreises und eines kleineren inneren Kreises die Gäste in der Mitte sitzen. Allerdings können jederzeit Menschen aus dem Publikum jederzeit die Gäste im Inneren ablösen und damit einen eigenen Diskussionsbeitrag leisten. Schnell wird klar: die Stärke der Fishbowl-Diskussion liegt darin begründet, dass sie sehr gute Fragen aufwirft – und diese zumindest teilweise beantworten kann. Allein schon die Eingangs-Statements der geladenen Diskussionsgäste regen zum Nachdenken an:

Bento-Journalistin Thembi Wolf stellt sich als „bekennende Ossi” vor. Aber erst mit 20 Jahren fing sie 1990 an diese Identität auf einer WG-Party zu entwickeln. Çiçek Bacik ist Philologin und Autorin. Sie hatte im Lehramts-Studium Diskriminierungs-Erfahrungen gemacht und findet es deswegen umso wichtiger, dass Menschen mit Migrations-Geschichte Lehrkräfte werden. Daniel Kubiak ist Soziologe an der Humboldt-Universität zu Berlin und berichtet, dass er persönlich wenig Kontakt zu Westdeutschen hatte, auch nach der Wende. Die einzige Ausnahme war sein Schuldirektor. Saraya Gomis ist die Antidiskriminierungs-Beauftragte für Schulen in der Berliner Senatsbildungsverwaltung. Ihre Botschaft ist, dass gesellschaftliche Zuschreibungen zu Gruppen sich immer als falsch herausstellen. „Gruppen sind immer Quatsch“, sagt sie, und bezieht sich besonders auf den schulischen Rahmen. Häufig wird sie gefragt, ob in jedem Berliner Stadtteil gleich viel diskriminiert wird. Interessanterweise bejaht sie diese Frage.

Dazu gesellen sich in kurzweiliger Abfolge die Statements und Fragen der Menschen aus dem Publikum, welche im inneren Kreis Platz nehmen. Ebenfalls angenehm ist, dass niemand an seinem Stuhl „klebt“, wodurch auch viele Teilnehmer*innen zu Wort kommen. Schnell wird klar, dass es in dieser Runde weniger um physische, als mehr um unmittelbare soziale Grenzen geht. Das hat womöglich einen entscheidenden Vorteil: da diese von Menschen gemacht wurden, sind sie auch prinzipiell veränderbar. Wie kann man das Entstehen von (sozialen) Mauern verhindern? Und wie kann man (mentale) Mauern einreißen? Hier gibt es Diskussionsbedarf: manchen ist Austausch, Zuhören und Reden wichtig – anderen ist das nicht genug.

Laut Saraya Gomis muss in jedem Fall zum Austausch etwas dazu kommen, das sie Gleichstellungswissen nennt. Von hier ist der Weg bis zur Frage nach dem Bildung(-ssystem) kurz. Dabei lohnt es sich kritisch zu schauen, wo Bildung Mauern abbaut – und wo sie eben diese sozialen oder mentalen Mauern eben wieder aufbaut und reproduziert. Vielleicht lohnt es sich, unsere eigenen Schulen und Hochschulen systematisch darauf zu überprüfen, welche Funktion sie bei der Ziehung oder beim Einreißen von Grenzen haben – und welche Rolle wir selbst dabei spielen.

Bilder: Leonie Geiger | pfingstakademie.de