Kann ein Mann ein Feminist sein?

Kann ein Mann ein Feminist sein? Hat er das Recht oder die Kompetenz sich einzumischen?
Zwei Männer, zwei Meinungen.

Von Karlo Kolumna (Feminismus ist für mich die Gleichstellung der Geschlechter auf allen Ebenen)
und Lorenz Seibl (Feminismus ist für mich 1 gute Sache, ansonsten siehe unten)


Karlo:
Ich verstehe Feminismus nicht.
Das heißt nicht, dass ich antifeministisch bin, ganz im Gegenteil, aber ich verstehe ihn nicht, begreife ihn nicht – nicht ganz.
Nicht, weil ich ihn nicht verstehen möchte, sondern weil ich glaube, dass ihn nicht vollends verstehen kann. Ich bin Prototyp „White Privilege“, denn ich bin deutsch, weiß, männlich, gebildet… alles in allem sind mir die besten Voraussetzungen gegeben, in Deutschland ein ideales Leben zu führen.
Ich tue mein bestes, ich setze mich mit der Thematik auseinander, ich überdenke meine Einstellung und meine vorgefertigten Bilder, dennoch habe ich das Gefühl, dass ich ihn einfach nicht ganz begreifen kann.
Ich habe lange gedacht, dass ich ihn verstehen müsste, bis ich irgendwann verstand, dass das, was ich wirklich verstehen muss, ist, nicht nachvollziehen kann in der Fülle, wie es eine Frau erleben kann.
Erst als ich das verstanden habe, konnte ich Feminismus besser verstehen.

Obwohl ich in einem sehr feministischen Haushalt groß wurde und immer von starken Frauen umgeben war, hatte ich doch immer eine recht ambivalente Beziehung zum Feminismus. Nicht, dass ich nicht hinter Emanzipation stehen würde, ganz im Gegenteil, ich finde das eine grandiose Entwicklung, doch zum Beispiel stelle ich mir bis vor kurzen die Frage: Was soll denn der Gender-Star?
Ich habe ihn selber nicht verwendet, nicht aus Boykott, sondern eher aus Unverständnis und vielleicht auch aus Faulheit. Ich dachte mir, „als ob es jetzt einen so großen Unterschied macht, ob da „Ärzte“ und nicht „Ärzt*innen“ steht.“ Ich sah keinen Vorteil darin, ihn zu verwenden, und ich kann es noch immer nicht vollkommen nachvollziehen. Aber was ich erkannt habe ist, dass ich es auch nie so verstehen kann, wie ich es gerne würde.

Ich kann versuchen, ihn in Zügen zu verstehen, ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass Feminismus seinen Gang geht und ich kann versuchen, mich in die Rolle einer Frau einzufühlen. Doch es so zu fühlen, wie es eine Frau tut, die damit jeden Tag konfrontiert ist, das kann ich wohl nie.

Ich habe eines Tages meine Gedanken dazu meiner Mutter geäußert, davor habe ich sehr mit mir gehadert, das anzusprechen, da ich mich für mein Unverständnis schämte.
Sie reagierte sehr klar und verständnisvoll und gab mir einen Satz mit auf den Weg, der mir plötzlich ein ganz anderes Bild eröffnete: Sprache beeinflusst Denken.

Das ist ein sehr intelligenter Satz, finde ich, da man sich (zumindest ich nicht) nie Gedanken darüber macht, was Sprache für einen Effekt haben kann.
Beleidigungen und Vulgaritäten haben einen Effekt, aber so was wie Endungen habe ich nie bedacht. Dass Sprache ein Gedankenbild über Jahrhunderte hinweg getragen hat.

Ich selber bin nie auf Diskriminierung aufgrund meiner Äußerlichkeiten oder biologischen Geschlechts gestoßen, doch ich denke, genau das macht es mir so schwer nachzuvollziehen, wie sich ein Mensch fühlen muss, wenn er jeden Tag degradiert und ausgegrenzt wird aufgrund seiner Hautfarbe, Ethnie oder in diesem Fall des Geschlechts – auch durch Sprache.

Ich kann Feminismus niemals vollkommen begreifen.
Aber ich kann es wenigstens versuchen.

Im Zuge meiner Recherche für diesen Artikel habe ich mich mit Männern im Feminismus beschäftigt und wie sie mit dem – in diesem Fall (trotz strukturellem Vorteil) – vermeintlichen Defizit umgehen männlich zu sein.
Einige männlichen Feministen beziehen sich kaum darauf und sind offensichtlich der Überzeugung, dass dies kein Unterschied macht. Aber der Punkt ist dennoch ganz klar, dass ein deutscher, weißer Mann nie mit solcher Ungleichheit zu tun hatte. Ja, Frauen sollten gleich bezahlt werden, das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, etwas worüber man im besten Fall gar nicht zu diskutieren brauchte, dennoch müssen wir es. Wenn es um das zurück Nehmen meiner eigenen männlichen Person ginge, Einbuße zu machen, um Frauen die gleichen Chancen zu geben, wie ich sie schon immer habe, das wäre kein Problem für mich, doch ich kann nur meine Seite beurteilen und nicht den weiblichen Part. Ich bin 100% für gleiche Bezahlung, bin ich deshalb Feminist? Ich finde Nein.
Ich bin weder aktiv in einer politischen Gruppe, noch habe ich mich anders als in Gesprächen und der Pfingstakademie 2018 nie großartig mit Feminismus beschäftigt. Feminismus ist die Gleichstellung der Geschlechter in Gesellschaftlicher Form, das Überdenken der Rollen Bilder und der Geschlechter Rollen. Da stehe ich vollkommen dahinter, ich finde Feminismus ist großartig und wichtig, dennoch sehe ich mich nicht als Feminist, ich finde es anmaßend, so was von mir zu behaupten.

Warum wird Weinen als unmännlich und nicht als menschlich angesehen, warum wird ein Mann sobald er seine Beine überkreuzt als Homosexuell gehandelt, warum wird ein Mann durch ein einfaches Kompliment als Aufreißer eingeordnet wird? ein Mann der seine Gefühle ausdrückt ist ein Mensch und daran ist nichts schwaches, ganz im Gegenteil.
Eine Frau, die auf dem Bau arbeiten möchte, ist nicht unweiblich, ihre Fähigkeit, dieser Tätigkeit nachzugehen, sollte nicht auf ihr Geschlecht reduziert werden. Ein Mann, der weint ist noch immer ein Mann. Eine Frau, die weint ist noch immer eine Frau. Keiner von beiden ist schwach oder hysterisch, es sind beides Menschen.

Egal, wo die Unterschiede sind, sind die Gleichheiten mindestens genau so groß und sollten wir nicht lieber genau dahin schauen?
Sollten wir nicht versuchen, dass man nicht mal mehr ein Wort für Feminismus braucht, da die Gleichstellung bereits normal geworden ist und sollten wir unsere Schwächen dahingehend nicht in Stärken ändern?

Ich kann Feminismus niemals vollkommen begreifen.
Aber ich kann es wenigstens versuchen.

 

Lorenz: 
Ja, die Welt ist komplex. Ja, Empathie und Einfühlungsvermögen haben Grenzen. Und ja – es wäre super schön, wenn wir uns alle als Menschen gegenübertreten würden, frei von Vorurteilen und Ungleichheiten. Bis es soweit ist, ist für mich allerdings klar: Es braucht Feminismus – und damit auch Feministen.

Wenn ich als weißer Cis-Mann für mich die Selbstbezeichnung „Feminist“ wähle, habe ich gar nicht den Anspruch, alles auf der Welt zu verstehen. Dafür sendet das in einem bestimmten Bereich der Welt ein klares Signal: Ich möchte mehr verstehen, und ich setze mich gegen Sexismus und für Frauen* ein. Was ist denn auch die Alternative? Für Sexismus sein? Nichts tun? Sich „Feminist“ zu nennen, ist deshalb keine Anmaßung, sondern politische Notwendigkeit.

Dazu kommt, dass in unserer Welt viel über Label funktioniert. „Laktosefrei“, „Busfahrer“, „direkte Strandlage“ – bei mir steht halt (unter anderem) Feminist™ drauf. Wir Menschen wollen Bezeichnungen für etwas, und danach kann man dann drüber diskutieren. Etwa darüber, dass es gar nicht „den“ Feminismus gibt, und es daher auch gar nicht schlimm ist, „ihn“ nicht ganz zu verstehen.

Oder zum Beispiel über Torten. Etwa in den Fällen, wo es nur eine Torte zu verteilen gibt, die auch nicht größer werden kann. Dann signalisiere ich als Feminist, dass ich bereit bin und sogar aktiv darauf hinarbeite, Zeit zu investieren, um mindestens 50 Prozent der Arbeit im Haushalt zu machen. Nur so zum Beispiel.

Wenn ich mich als Feminist bezeichne, signalisiere ich auch, dass ich als Mann© erstmal Teil des Problems bin. Der Weg zur Lösung mag verwinkelt sein, aber als Feminist ziehe ich mir zumindest schon mal die Schuhe an und mache den ersten Schritt.

Ja, die Welt ist komplex. Umso schöner finde ich es, in bestimmten Dingen nicht zu kompliziert zu denken. „Ich bin Feminist“ – diesen Satz zu sagen, ist nicht schwierig. Er tut einem selbst auch erstmal nicht weh. Stattdessen löst er auf wunderbare Weise Komplexität auf. Ich bin dadurch FÜR etwas Gutes – why not? :)

Hier gibt es weitere Informationen über als Mann ein Feminist sein: https://de.wikihow.com/Als-Mann-Feminist-sein

Das Foto stammt von Andi Weiland (CC by 2.0) | (andiweiland.de) und ist im Rahmen des Improtheater mit Doreen Wermelskirchen entstanden.