„Feminismus“ versus „Islam“?

Der Autor dieses Artikels hat ein persönliches Interesse an dem Thema Feminismus und Islam: Er ist beruflich oft mit Diskriminierungsfällen konfrontiert. Um eigene Antworten auf das zunehmende persönliche Gefühl der Unrechtmäßigkeit in der öffentlichen Debatte finden zu können, war er im Workshop „Feminismus und Islam“ mit der Bildungsreferentin und Berlin-Spandauerin Nesreen Hajjaj. Ein Kommentar.

Von Tobias Johst (Feminismus ist für mich der aktive Einsatz für die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen, um meinen zukünftigen Töchtern und Enkelinnen später nicht erklären zu müssen, warum sie kein Vorstand eines börsennotierten Unternehmens werden können.)

„So, wie Sie aussehen, passen Sie aber nicht zu Deutschland.“

Diesen Satz hat in meinem ganzen Leben noch nie ein Mensch zu mir gesagt. Das kann daran liegen, dass ich blond, weiß und männlich bin. In meinem Pass steht als Staatsbürgerschaft „deutsch“. Ebenfalls „deutsch“ steht auch im Pass von Nesreen Hajjaj, einer studierten Bildungsreferentin. Dennoch berichtet die fröhliche, schnell und überlegt sprechende Frau im Workshop, dass sie mit diesem Satz vor Kurzem an einer Bushaltestelle in Berlin angesprochen wurde. Seit sie sich in ihrer Jugend auch mit dem Islam beschäftigt hatte, trägt Nesreen ein Kopftuch. Gegen den Wunsch ihrer Eltern. Sie sagt, sie möchte selbst über ihre Kleidung entscheiden.

Ich freue mich, in einem Land zu leben, in dem Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung der Frau geschützte Rechte sind, über deren Bestehen grundsätzlich nicht gestritten wird. Gleichzeitig ist es umso auffälliger, wenn in der Wirtschaft oder in der Politik noch immer wichtige Bereiche bestehen, die trotz ihres Einflusses auf uns alle, reine Männerdomänen sind.

Bereits in den Römischen Verträgen von 1957 wurde in Artikel 119 gleiches Entgelt für Männer und Frauen festgeschrieben. Nach 60 Jahren sieht die Bilanz ernüchternd aus. Zum Vergleich: Vom Jahr 1962 bis zum 20. Juli 1969 lief der entscheidende Teil des Apollo-Programms. Gleichberechtigung umzusetzen dauert scheinbar weit länger, als einen Mann auf den Mond zu bringen.

Ich lese seit meinem Studium fast täglich eine Zeitung oder Online-Nachrichten. Dabei fällt mir seit etwa zehn Jahren zunehmend auf, dass in erster Linie die vermeintlich fehlenden Rechte muslimischer Frauen Thema sind. Zumindest weit häufiger, als es für die Darstellungen der Rechte aller Frauen gilt. Zugleich erfahre ich von muslimischen Frauen, dass sie in der Schule, auf der Arbeit, sogar auf der Straße auf ihren privaten Glauben angesprochen werden und sich oft rechtfertigen müssen.

Dabei gibt und gab es weltweit – auch in Deutschland – stets Frauen, die Kopftuch getragen hatten. Als Teil von Trachten, als modisches Accessoire oder – wie bei meiner Großmutter – als Teil der Schutzkleidung bei der Feldarbeit. Das Kopftuch hier bleibt Kleidungsstück. Wenn muslimische Frauen aufgrund ihrer Kleidung als nicht zu Deutschland gehörend bezeichnet werden, wird als Grund oft angeführt, dass sie durch unaufgeklärte, gewaltbereite Männer zur Entmündigung gezwungen werden. Und dies ohne Ausnahme, da „der Islam“ als Religion schließlich die Unterdrückung der Frau vorschreibe. Das Kopftuch wird vom Kleidungsstück zum Politikum: Die Kritik am muslimischen Kopftuch richtet sich daher gegen die Religion – scheinbar zum Wohle der Frauen.

Dabei gab es bereits in der Entstehungsgeschichte des Islam viele Frauen, die wichtig für die Entwicklung der Religion waren. Eine von ihnen war Mohammeds erste und 14 Jahre ältere Ehefrau Chadidscha. Sie war zum Zeitpunkt der Eheschließung mit dem späteren Propheten des Islam gesellschaftlich angesehen und weit wohlhabender als Mohammed. Sie wurde auch zur ersten Anhängerin des Islam. Schwer vorstellbar, dass sie sich von ihrem Mann zu etwas hätte zwingen lassen. Auch im heutigen Berlin arbeiten Frauen mit Kopftuch etwa als Anwältinnen, fahren Taxi, ernähren die Familie. In anderen Ländern fehlen diese Möglichkeiten.

Europäische Staaten werden oft als „aufgeklärt“ und liberal dargestellt – gegenüber einem rückständigen Islam. Dabei wird übersehen, dass das Frauenwahlrecht in Deutschland erst seit dem Jahr 1919, also praktisch seit gerade einmal 100 Jahren existiert. Im Zuge der kolonialen Unabhängigkeitsbestrebungen vieler Staaten ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden auch in heutigen „arabischen“ Ländern verstärkt Rufe der Frauen nach gleichwertigen gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten laut. Im Iran dürfen Frauen seit 1963 wählen.

Diese Stimmen wurden indes ab den 1970er Jahren von Fundamentalisten als Einflussnahme des Auslands zu einem westlichen Lebensstil in den neu entstandenen Nationen gebrandmarkt. Lange Zeit konnten Frauen in muslimischen Ländern daher oft nur „Feministinnen“ oder „Muslima“ sein. Beides gleichzeitig zu sein, schloss sich aus.Erst durch den langjährigen, oft persönlich gefährlichen Kampf vieler Aktivistinnen und weiblicher Religionsgelehrten gewinnt seit etwa 20 Jahren der zunehmend stärker wahrgenommene „islamische Feminismus“ an Bedeutung. Hierbei geht es darum, aus der Religion selbst die Legitimation für die Selbstbestimmung muslimischer Frauen abzuleiten.

Islamkritiker_innen greifen zunehmend gerade diese Bewegung an und sprechen deren Aktivistinnen ab, dass sie frei und selbstbewusst Frauenrechtlerinnen und gläubige Muslima sein können. Als Begründung wird angeführt, dass der beispielsweise im Iran oder in Afghanistan praktizierte Islam Frauen massiv einschränkt. Diese Unterdrückung findet statt, doch ist es nicht die Religion, die unterdrückt. Es sind Männer, die im Namen der Religion unterdrücken. Die Argumente dieser Fundamentalisten werden von Islamkritiker_innen aufgegriffen, statt diese mutigen Frauen zu unterstützen. Frauen können nach der Auffassung der Kitiker_innen auch in Deutschland nicht „Feministinnen“ und „Muslima“ zugleich sein.

Ich kenne viele Frauen, die angeben, aus eigener Entscheidung heraus ein Kopftuch zu tragen. Diese berichten mir davon, dass sie zum Beispiel in ihrer Arbeit in einem Modegeschäft nicht im Verkauf, sondern nur im Lager eingesetzt werden. Oder keinen Praktikumsplatz in einer Kindertagesstätte erhalten oder wie Nesreen durch fremde Menschen an einer Bushaltestelle in Berlin erfahren, dass sie nicht zu Deutschland gehören.

Es wirkt paradox, wenn sich männlich dominierte Institutionen in der Öffentlichkeit einerseits für die Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen bemühen und zugleich in Abgrenzung zu einem falsch verstandenen Islam die Betroffenen vielfältig in ihrer eigenen Lebensplanung und Lebensführung einschränken. Und Frauen vorschreiben, dass sie sich freizügiger kleiden sollten – im Sinne ihrer eigenen Freiheit.
Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer eines Tages nicht mehr auf Ihre Kleidung oder ihr Aussehen reduziert werden. Denn die Beschränkung der Freiheiten jedes einzelnen Menschen in Deutschland trifft uns langfristig alle und macht auch mich als Mann ärmer.

Foto: redhope / Flickr.com (CC by 2.0)