Poetry Slam: Von Labellozyklen und Sonnenblumenkernen

Eine Poetry Slammerin trägt einen Text vor

Foto: Andi Weiland

Ähnlich wie Utopie, Liebe und Wirtschaft ist auch Poesie grundsätzlich eines: Definitionssache. Natürlich verstehen viele darunter Dichtkunst und denken an Berthold Brecht, Hermann Hesse, Heinrich Heine. Poesie bedeutet aber auch Zauber; Magie, die durch das willkürliche Aneinanderreihen von Buchstaben und Wörtern entsteht. Auf der Pfingstakademie 2015 hat sich der Workshop „Poetry Slam“ mit perfekter Reihenfolge auseinandergesetzt.

von Valentina Schüller

Welche Rolle spielt die Poesie in der Utopie? Wenn man über Zukunftsvisionen redet, denkt man an Umwelt, Gesellschaft, Politik – viel zu selten aber an Kunst, insbesondere Poesie. Denn mit Kunst verbindet man eher Vergangenes, romantisierte Geschehnisse aus der Feder oder dem Pinsel bekannter Künstler. Welche Rolle spielen Gedichte heutzutage, welche werden sie in der utopischen Gesellschaft spielen? Wie passen sich Poeten an den Wandel der Zeit an? Und was ist überhaupt ein Poet?

Doch erstmal der Reihe nach: Gedichte werden zwar immer noch geschrieben, aber die Präsenz von ihnen in alltäglicher Kultur ist auf den ersten Blick sehr gering. Oder doch nicht? Vielleicht sind ja Rapper die neuen Poeten. Möglicherweise setzen sich die nachfolgenden Generationen mit den Texten von Eminem, Bushido und Prinz Pi auseinander, interpretieren „Ich hab‘ Zeit und das Geld“ oder „Einmal um die Welt“ . Wird die Gesellschaft der Zukunft die heutigen Künstler verherrlichen und die künftigen darunter ansiedeln (so wir es heute tun)?

Die Poeten des 21. Jahrhunderts: Rapper oder Spoken-Word-Künstler?

Es wäre aber zu einfach, nur in den deutschen Charts zu suchen, um die Weimarer Klassik des 21. Jahrhunderts zu finden. Schließlich gibt es ja immer noch Dichter, die regelmäßig auftreten und Werke präsentieren, auch ohne Musik im Hintergrund, ohne Musikvideos: tatsächlich kann man nämlich Spoken-Word-Poetry als die neue Form der Dichtung sehen. Auf Poetry Slams treten Dichter auf und stellen vor, was sie zu Papier gebracht haben – die einzige Einschränkung ist das Zeitlimit. Spoken-Word-Poetry gibt dem Künstler mehr Möglichkeiten, sein Gedicht auszudrücken, denn Betonungen, Dynamik, Tempo des Werkes kann er auf der Bühne selber bestimmen. Fast vergleichbar also mit der Einführung von Notenlinien in der Musik, gibt es mehr Kontrolle des Dichtenden über sein Stück Lyrik. Ist das die Zukunft von Poesie?

 

Auf der Pfingstakademie 2015 haben wir den Schreiber Temye Tesfu zu Besuch, der den Workshop Poetry Slam leitet. Den Teilnehmern zeigen, wie ein Text geschrieben und gesprochen werden kann, aber auch künstlerische Freiheit vermitteln war das Ziel, vorgestellt wurde das ganze schließlich einen Tag später. Von der Bedeutung der Wissenschaft, dem Schmerz des Abschieds und dem harten Leben eines Sonnenblumenkerns: die Bandbreite an behandelten Themen war gigantisch. Unter anderem gab Lorenz Seibl aus dem Zyklus „Labellos machen nur körperlich abhängig“ Botschaft aus Ecuador zum Besten und Nicola Hund beschrieb, wie die Schönheitsideale der heutigen Zeit eher eine Dystopie als eine Utopie zeigen.

Wie auch immer man sich sein Gedicht wünscht – ob lustig, traurig, bedrückend, befreiend – die Form des Poetry Slams scheint tatsächlich der nächste Schritt in der Entwicklung der Dichtkunst zu sein. Eine Frage bleibt allerdings trotzdem: Ist sie auch schon utopisch?