Woher kommen die Visionen?

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Sie sitzen – noch! – nicht mit der Glaskugel im Parlament, oder lesen im Bodensatz ihrer Kaffee- und Teetassen. Aber wenn es um Energiepolitik geht, ist der Blick der Bundestagsabgeordneten stets in die Zukunft gerichtet. Analysen und Szenarien sind Basis für schöne Mehrjahrespläne. Ob sie aufgehen oder nicht steht teils bis Fristablauf in den Sternen. Hauptsache ist, dass sie für’s Erste konkrete Maßnahmen ersetzen – was ausreicht, das Volk zu beschwichtigen; dabei Forschung wie Wirtschaft Zeit lässt, ihre Lobbyisten auf Tour zu schicken. Von Ulrich Mai

Woher kommen die Visionen? Das grundlegende Prinzip ist schnell erklärt: bei der Szenariotechnik geht es darum, Entwicklungsmöglichkeiten zu betrachten. Also macht es erst einmal Sinn, zu analysieren, unter welchen Sternen – bzw. Rahmenbedingungen – man in die potentielle Zukunft startet. Eine weitere Rolle spielen die wichtigsten Faktoren, die sich auf den Prozess auswirken werden. Wer bisherige Entwicklungen und Erfahrungswerte berücksichtigt, kann so eine passable Prognose abliefern. Im Kopfkino läuft das Ganze dann einmal optimal und einmal katastrophal, und es wird klar, in welchem Spielraum sich der konkrete Fortschritt entwickelt. Es zeichnet sich ein Erwartungshorizont ab, der als Entscheidungsgrundlage zur Zielsetzung dient. So ergibt sich im Regelfall jedoch nicht lediglich eine wahre Lösung, sondern eine Mehrzahl möglicher Wege – auch, wenn die Parlamentarier uns gerne glauben lassen, sie hätten die einzig legitime Wahrheit erkannt.

„Die politischen Entscheidungsträger greifen gerne ein einzelnes Szenario heraus, das sie dann als ‘hard fact’ verkaufen“, sagt Seminartrainer Christoph Aberle – dies suggeriere eine Objektivität, die bei der Szenariotheorie so nicht existiert, da „es sich dabei letztendlich nur um Spekulation handelt.“ Der 22-jährige Student – Wirtschaftspsychologie und Nachhaltigkeitswissenschaften – leitete die Themengruppe „Politik“, in der er den Teilnehmenden die Szenariotechnik näherbrachte. „Der Ansatz schafft noch keine Lösungen“, fährt Aberle fort, „sondern hilft, Probleme zu erkennen.“ Zur Bewältigung dieser Probleme gibt es dann eine breite Fülle möglicher Wege.

Eine konkrete Lösung findet sich dann, indem die Abgeordneten entsprechende politische Weichen für das präferierte Szenario stellen. „Das erklärt zumindest, wie es kommt, dass jeder Politiker zum gleichen Thema etwas anderes zu sagen hat!“, sagt Daria Savoji, eine 17-jährige Teilnehmerin aus Fulda. Jede Partei setzt andere Schwerpunkte, berücksichtigt andere Faktoren – und erhält so ein anderes Szenario. „Das war schon interessant, auf Basis von so einem System nachzuvollziehen, wie aus unterschiedlichen Positionen konkrete individuelle Lösungen werden“, sagt die Schülerin. Die Sache hat allerdings einen Haken – für die Politiker*innen. Die Herren und Damen der Bundespolitik verhalten sich bei einem Problem nämlich gerne so, als hätten sie mit ihrem Lösungsvorschlag den einzigen segensreichen Weg zur Rettung des Abendlandes gefunden. Was sie auch dementsprechend in allen Medien, die sich dafür interessieren, propagieren.

Das kollektive Bewusstsein hat jedoch ein Elefantengedächtnis und vergisst die Vielfalt der diskutierten Ideen nicht so schnell – daher fällt die öffentliche Reaktion entsprechend kritisch aus, wenn der schlussendlich im politischen Entscheidungsprozess durchgesetzte Plan irgendwann scheitert. Das ist zwar nur menschlich. Aber wer mit Inbrunst verkündet, auf das Kind zu achten, kann kein Mitleid erwarten, wenn es dann in den Brunnen gefallen ist. Im Gegenteil bedeutet das Konsequenzen. Die können so weit reichen, dass übermäßige mediale Selbstdarstellung unmittelbar abgemahnt wird – von enttäuschten Wähler*innen.

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Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.