Wirtschaft und Wir


Foto: Stefan Franke / www.jugendfotos.de

„Die Wirtschaft“ – eine der Top-Plattitüden in fast jeder Debatte. „Die Energiewirtschaft“ – fast noch schlimmer in der Energiediskussion. Ein wahrer Kern ist da schon – schließlich ist das Thema komplex, für viele ist die Wirtschaft eine Black Box. Diese Kiste auszupacken und sich Stück für Stück in die Thematik einzuarbeiten, das ist das Ziel von Referent Ory Laserstein. Ein Einblick in die Themengruppe „Wirtschaft“. Von Leonie Geiger und Lorenz Seibl (zusammengerechnet 45 Jahre alt, genau wie das weltweit älteste AKW in Oldbury)

Ory Laserstein war viele Jahre in der Jugendpresse Deutschland aktiv. Wie die allermeisten Journalisten an ihre Artikel, so geht er auch an diesen Workshop heran: „Ich fühle mich der Objektivität verpflichtet. Mir ist es wichtig, möglichst neutrale Grundlagen für eine notwendige Debatte zu schaffen“, sagt der Kommunikationswissenschaftler.

Konsequenterweise kommt daher auch dieser Workshop nicht ohne einen fundierten Input aus. Dabei stellt Laserstein eine einfache Frage: Woher kommt der Strom? Um diese Frage, die sich schon jedes Kind stellt, aber nicht unterkomplex zu behandeln, greift er auf fünf Einzelschritte und ihre jeweiligen wirtschaftlichen Kosten zurück. Erstens die Beschaffung: gemeint ist die Gewinnung von Energieträgern wie Braunkohle oder Sonne. Hier fallen zunächst so genannte Primärenergiepreise an. Diese sind nicht zu verwechseln mit dem letztendlichen Strompreis. Denn im zweiten Schritt müssen diese Stoffe umgewandelt werden: etwa durch Verbrennung bzw. die Umsetzung in einer Photovoltaikanlage. Hier entstehen noch einmal Erzeugungskosten.

Als drittes großes Feld stellt Ory Laserstein den Großhandel vor. Ein Großteil des produzierten Stroms wird an Strombörsen verkauft und gekauft. Es bilden sich Preise über Angebot und Nachfrage – die sich natürlich täglich ändern. Gekauft wird häufig auch über mehrere Jahre im Voraus, es gibt Options- und Termingeschäfte. Im vierten Schritt geht es an den Transport und an die Verteilung des Stroms. Hauptthema sind hier natürlich die Stromnetze, deren monopolistischer Charakter, ihre Besitzer und die entstehenden Netzkosten.

Und fünftens muss der Endkundenvertrieb betrachtet werden – also auf welchem Briefkopf unsere Stromrechnung daherkommt und wer den Zähler abliest. Die relevanten Geldströme sind hier die Vertriebskosten. Außerdem ist es gut, die Steuern und Abgaben mitzudenken, die im Strompreis stecken. Lasersteins Fazit ist schon hier: „Alle Aspekte sollten mitgedacht werden. Denn der Strom ist politisch.“

Die Taschenlampe in der Black Box

Im persönlichen Gespräch bietet Ory Laserstein weitere Einblicke in seine Leitfragen. Ein Knackpunkt für ihn ist das Funktionieren des Strommarktes im Bezug auf den Endverbraucher. „Zwar kann jeder Deutsche für seine Wohnung aus gut 100 verschiedenen Stromanbietern wählen“, sagt Laserstein. „Im Gegensatz dazu haben aber lediglich 25 Prozent der Deutschen überhaupt schon einmal den Stromanbieter gewechselt.“ Dies müsse sich ändern, um den Strommarkt nach der Liberalisierung 1998 tatsächlich marktförmig zu organisieren. „Kurz gesagt zahlen noch zu viele Menschen zu viel Geld für ihren Strom. Und dass flexiblere Verbraucher auch mehr Ökostrom buchen könnten, versteht sich von selbst“, meint Laserstein.

Generell ist Ory Laserstein klar, dass er ein hoch komplexes Thema erklärt. „Aber drunter geht es einfach nicht. Nur drauflos zu reden hilft bei diesem Thema keinem weiter“, sagt er. Daher ist ihm ein ausführlicher Input, der zudem möglichst objektiv gestaltet sein soll, wichtig. „Wenn Medien über die Energiewende berichten, dann meistens nur über Einzelaspekte. So kommt kaum ein stimmiges Gesamtbild zustande.“

Und schließlich soll aus einem Gesamtbild auch ein Gesamtkonzept entstehen. Und zwar für jeden Einzelnen. „Daher mache ich diesen Workshop. Jugendliche sind am längsten von der Energiewende betroffen – daher ist es wichtig, dass gerade sie eigene Visionen bilden“, so Laserstein. Aus genau diesem Grund hole er sie mit einem Input ab, woraufhin er sie mit der Szenario-Technik arbeiten lässt. Hier könnten Jugendliche nicht nur mit Fakten konfrontiert werden und im Hier und Jetzt stehen bleiben, sondern in die Zukunft denken. „Das Energiekonzept der Bundesregierung umfasst einen Zeitraum bis 2050 – Jugendliche sollten mindestens genauso weit denken“, fordert Laserstein.

Er betont auch, dass es niemandem helfe, nur auf die „böse Wirtschaft“ zu schimpfen. „Kein Energiekonzept kann ohne die Gesellschaft und einzelne Menschen umgesetzt werden. Die Rolle der Energiewirtschaft müssen wir kritisch begleiten. Und dann muss jeder mitziehen“, so Ory Laserstein. Die Trias aus Politik, Industrie und Forschung sei die Crux. Diese drei würden schon in der sonstigen Welt häufig aneinander reiben und sich den Schwarzen Peter zuspielen. „Vielleicht ist es gerade an den Jugendlichen, die vielen unterschiedlichen Interessen zu verstehen und zusammen zu bringen“, sagt Laserstein abschließend.

Die Betrachtung der Energiewende unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten hört aber nicht nach der Pfingstakademie 2012 auf, sondern geht daheim nahtlos weiter. Was ist mit dem Energieeinsatz bei der Herstellung neuer, sparsamerer Elektrogeräte? Wird mein A++-Kühlschrank in China mit Hilfe von Kohlestrom zusammengebaut? (Antworten für den Fall einer neuen Energiesparlampe – ganz unten; zumindest Annäherungen an die zweite Frage hier).

Warum ist es so intransparent, welche Firma ein „echter“ Ökostromanbieter ist und Geld in den Ausbau von Enerneuerbaren steckt? (Anhaltspunkte hier)

Sind wir als Bundesrepublik Deutschland energiepolitisch isoliert, oder werden andere Länder mitziehen?

Auch soziale und ethische Fragen stellen sich zwangsläufig. Ein Nachdenken lohnt sich, zum Teil muss jede/r für sich selbst entscheiden: Wie sieht es in Zukunft aus mit dem Verhältnis zwischen Kalt- und Warmmiete? Ist ein engerer Zusammenhang wünschenswert? Warum zahlt die Industrie nur etwa die Hälfte für eine Kilowattstunde Strom wie Privathaushalte? Und: Ist Desertec womöglich eine Art Energie-Kolonialismus im 21. Jahrhundert?

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Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.