Für Kühltheken-Türen in Gemüseläden


Bild: Julian Schulz

Nur vernetzt kann man Großes bewegen und sich wehren: Welche Rolle spielen Jugendliche bei der Energiewende und wie können sie sich daran beteiligen? Die Pfingstakademie-Organisatoren Annette Ullrich und Julio Canto Ortiz standen im Interview mit Julian Heck Rede und Antwort. Julian Heck (21 Jahre, Soziologie- und Politikstudent in Darmstadt, hat nach einem guten Kaffee wieder genug Energie)

Mama fährt zur Schule, der PC ist ununterbrochen am Laufen, im Zimmer sorgen 4 Scheinwerfer und 12 LEDs für Partybeleuchtung. Sind die Jugendlichen Schuld daran, dass zu viele Ressourcen verschwendet werden?

Julio Canto Ortiz: Nein, es sind natürlich nicht nur die Jugendlichen Schuld an der Ressourcenknappheit, sondern alle Generationen. Es ist aber sicherlich eine Frage der Erziehung, ob Essensreste oder Papier auf die Straße geworfen wird oder (blickt auf den Theatersaal) die Cola-Flasche nicht weggebracht wird. Das hat etwas mit Verantwortungsbewusstsein zu tun.

Annette Ullrich: Der gleichen Meinung bin ich auch. Alle in der Gesellschaft, jede und jeder Einzelne hat zu verantworten, wie vorhandene Ressourcen ver(sch)wendet werden. Es ist noch keine Normalität, mit Strom sparsam umzugehen und in anderer Weise auf die Umwelt zu achten – leider.

Jeder zweite Jugendliche spart im Alltag bewusst Energie, so ein Ergebnis der 16. Shell-Jugendstudie. Sind die anderen 50 Prozent einfach zu faul oder zu desinteressiert, um nachhaltig zu handeln?

Annette: Vielen ist die Auswirkung noch nicht bewusst, weshalb es – wie Julio eben schon erwähnt hat – noch nicht zum Alltag gehört wie das Händewaschen oder Zähneputzen. Die Gesellschaft ist von der Mediennutzung geprägt. Aber welcher Verbrauch sich hinter der Nutzung von Facebook verbirgt – das weiß niemand. Seit ich jetzt weiß, dass eine Suchanfrage bei Google 0,3 Watt verbraucht, habe ich eher ein schlechtes Gewissen dabei und greife zu Alternativen.

Julio: Und genau da spielen die Medien eine wichtige Rolle. Die großen Unternehmen und ihre Rolle im Energiethema finden in den Medien kaum Beachtung – und es ist damit einfach nicht überschaubar. Die ganze Thematik muss in der Öffentlichkeit mehr ins Bewusstsein gerückt werden – auch und vor allem bei den Jugendlichen.

Der Stromanbietermarkt wird weiterhin von den vier großen Konzernen RWE, Vattenfall, E.ON und EnBW dominiert. Nun steht bei der Pfingstakademie die Beteiligung der Jugendlichen im Mittelpunkt. Inwiefern kann der oder die Einzelne tatsächlich etwas bewegen? Oder kann man bloß Strom sparen, indem das Licht am Samstagabend früher ausgeknipst wird?

Annette: (lacht) Nein, die Jugendlichen können mehr als nur das Licht ausschalten. Sie können eigene Projekte starten und Diskussionen mit der Politik und Wirtschaft einfordern. Aber alleine ist das schwierig – hier ist Vernetzung gefragt.

Julio: Richtig, es geht darum, neue Methoden kennenzulernen und sich selbst zu organisieren. Nur vernetzt kann man Großes bewegen und sich wehren. Wichtig sind aber auch konkrete Aktionen vor Ort. Zum Beispiel wurde ein Gemüsehändler darauf aufmerksam gemacht, dass seine Kühltheke offen ist und somit zu viel Strom verbrauche. Durch angebrachte Türen wird nun im Gemüseladen Energie gespart – auf Initiative derjenigen, die ihn darauf aufmerksam gemacht haben. Machen das alle Gemüseläden, macht sich das bemerkbar.

In den letzten Jahren haben unkonventionelle Protestformen zugenommen, das stellt der Protestforscher Dieter Rucht fest. Können Aktionsformen wie ein Anti-Atomkraft-Flashmob auch ein Beitrag zur Energiewende sein und ist da noch Luft nach oben?

Annette: Ich bin überzeugt davon, dass Spaß ein wichtiger Faktor ist und gewiss einen Einstieg sein kann, um sich intensiver zu beteiligen.

Julio: Für mich ist die höchste Beteiligungsstufe erreicht, wenn der Einsatz Wirkung gezeigt hat und die Ziele erreicht sind.

Wo stoßen Jugendliche mit ihren Forderungen an ihre Grenzen?

Annette: Sie stoßen an ihre Grenzen, wenn sie nicht als Gleichberechtigte betrachtet werden und die Politik und Wirtschaft nur Alibi-Beteiligungsformen durchführen. Es ist eine Systemfrage und scheitert oft an Strukturen. Deshalb ist leider ein langer Atem nötig.

Julio: Nicht nur Jugendliche stoßen dabei an ihre Grenzen, auch andere Generationen. Wichtig ist, trotz einiger Steine im Weg am Ball bleiben.

Nun bitte nacheinander folgende Sätze vollenden. Energie hat mich in der Jugend…

Annette: …gar nicht interessiert.

Aus Sicht der Energiekonzerne spielen Jugendliche wahrscheinlich…

Julio: …eine sehr große Verbraucherrolle.

Ich bin Vorbild im Energiesparen, weil…

Annette: …ich den Umgang mit Ressourcen als grundlegendes Problem empfinde. Übrigens: Gerade ist bei mir zu Hause nichts auf Standby.

Mein erster Gedanke bei einem Atomkraftwerk ist…

Julio: …Angst!

Wenn die Pfingstakademie vorbei ist und das Licht im Wannseeforum ausgeht, dann sollen die Teilnehmer mit welchen energetischen Impulsen nach Hause fahren?

Julio: Sie sollen ihre eigene Energie zielorientierter verwenden können.

Annette: Ich wünsche mir, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Bewusstsein für den eigenen Energiekonsum entwickeln, sie eigene Projekte und Aktionen initiieren und ab sofort Kartoffelbatterien basteln können.

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Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.