Frösche auf dem Weg zum Teich


Foto: Sarah Steffen / www.jugendfotos.de

Eigentlich improvisiert man ja, wenn der Plan nicht aufgeht – für politische Kabarettisten ein Graus. Denn die Pointe muss stimmen und das Publikum klatschen. Mitmachen unerwünscht. Für Alexander Demling und Lorenz Deutsch wäre das wiederum entsetzlich. Denn Improvisationstheater ohne aktives Publikum ist nicht nur wie ein Sommer ohne Sonne, sondern schlichtweg unmöglich. Eine Kolumne von Anna Riedel (22. Mag weder Sommer noch Sonne, dafür Frösche.)

Politische Reflektion am Mittagstisch lässt sich meist so zusammenfassen: „Die machen doch nur, was sie wollen, und an uns bleibt alles hängen!“ Im Kabarett heißt es dann: „Die machen doch nur, was sie wollen, und an euch bleibt alles hängen!“ Einer motzt, alle hören zu – demokratisch? Das Improvisationstheater findet einen ganz anderen Ansatz: Jeder kann mitmachen. Weltverbessern für Anfänger, Fortgeschrittene auch gern willkommen.

Im Workshop von Alexander Demling und Lorenz Deutsch lernen die Teilnehmer erstmal das ‘Erfinden’. Toastende Kopfkissen, Smartphones mit Wählscheibe, fliegende Besen als umweltschonende Transportmittel, die nebenbei auch sauber machen können. Wichtig auch: Der richtige Absprungwinkel, wenn es heißt „Wir sind Kängurus unterwegs in der Wüste!“. Lachen muss man beim Zuschauen viel, wer beobachtet schließlich nicht gerne Menschengruppen, die grunzend über den Boden robben.

Politisch könnten sie auch, machen sie aber nicht so viel, denn ein Publikum gibt es im Workshop nicht, und politisches Theater ohne Zuschauer ist ja Quatsch. Dabei kann man das beim Improvisieren nicht so genau auseinanderhalten, Schauspieler sind hier Publikum und umgekehrt, was sehr verwirrend ist, aber auch cool. Und zwar viel cooler als das öffentliche politische Theater.

Zwar schießen derzeit auf jedem Sender Kabarettsendungen wie Unkraut aus dem Boden, aber anscheinend gibt es hier nur ein Rezept: Ein paar Witze über Angela Merkel, die allseits beliebte Frage nach der wirklichen sexuellen Orientierung von Guido Westerwelle und vielleicht ein Plagiatsscherz hinterher. Eventuell wird dann Thilo Sarrazin noch ein bisschen gemobbt, aber nur, wenn die Sendung wirklich intellektuellen Anspruch hat. Politisches Kabarett verkommt immer mehr zu Comedy – Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Klar, Humor und Politik liegen nicht weit voneinander entfernt, aber Kabarett beschränkt sich einfach zu oft auf die Körpermaße von Gregor Gysi (152/186/165).

Doch zum Glück haben die Männer auf den Bühnen zwischen Bochum und Stendal den Witz nicht für sich gepachtet. Alexander Demling und Lorenz Deutsch, und inzwischen auch ihre Workshopteilnehmer, können das anders, eventuell auch besser und auf jeden Fall witziger. Politisches Theater zum Mitmachen, Partizipation auf kleiner Ebene – demokratisch!

Vielleicht sollten es die Psychopathenbetreuer aus dem ZDF in Zukunft auch mal mit Känguruübungen probieren oder sich an den Idiotentanz wagen. Könnte Wunder wirken. Oder vielleicht auch nicht, denn die Botschaften bleiben ja gleich: Im Kabarett kann nicht jeder die Welt retten, im Improvisationstheater schon. Die einzige Antwort auf die Regieanweisung: „Wir sind Frösche auf dem Weg zum Teich!“ muss eben heißen „Au ja!“. Irgendwie schön.

 


Bild: Anna Riedel

PS: Hier eine Redaktionsauswahl besonders witziger Ideen deutscher Kabarettisten.

Figur: Betrunkener FDPler redet über Milch.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=02d9zHtHzzs&feature=related[/youtube]

 

Cabaret of english:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=A2p6acT2UBc[/youtube]

 

Selbstironischer Minister

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=ZInWF_SXU6s&feature=related[/youtube]

 

Politiker spielt arschigen Chef

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=IgdKP5mRonw&feature=related[/youtube]

 

Abgeordneter erfindet Partei neu:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=1CS8Ilo-8jQ[/youtube]

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Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.