Fishbowl, Superman und die Energiewende


Foto: Lukas Hersemeyer / www.jugendfotos.de

„Partizipation in Zeiten der ENERGIEwEnde“ lautete das Thema der diesjährigen Pfingstakademie, das auch das Motto des politischen Diskussionsabends war. Aber keine Panik: Uns steht sehr wahrscheinlich weder ein Ende der Wende, noch ein Ende der Energie bevor. Trotzdem gab es an diesem Abend Diskussionsbedarf und einen Rettungsversuch im Supermankostüm. Ach ja, und irgendetwas mit Fishbowl hatte er auch zu tun.
Von Leonie Geiger ( 19 Jahre alt, hat viel zu lange musikhörend an diesem Text geschrieben, immerhin kann sie jetzt die Songtexte von zwei Kettcar – Alben auswendig)

Bei mir herrscht leichte Irritation. Nicht nur, dass der Samstag den Platz für den politischen Diskussionsabend in diesem Pfingstakademiejahr plötzlich an den Montag abgeben musste, nein, es wird sich im Theater versammelt! Kein Blick auf den See, auf die Wiese und die tuckernden Boote. Neonröhrenlicht gewinnt nun den Kampf gegen wunderschönen weich leuchtenden Thronleuchter im Kaminsaal und das Klavier wurde durch modernste Technik und Bühne ersetzt. Wir befinden uns im Theatersaal. Ich frage mich warum und schnappe nebenbei das Wort „Fishbowl“ auf. Ich dachte, es geht um die Energiewende und nicht ums Tauchen.

In die Tiefe soll es trotzdem gehen: Moderator Florian Dieckmann eröffnet die Runde, zunächst zerstört er aber meine Illusion, dass die Energiewende vielleicht doch etwas mit dem Tauchen zu tun haben könnte. „Fishbowl“ steht nämlich für eine Diskussionsmethode, das erklärt Dieckmann auch. Dabei gibt es einen fließenden Übergang zwischen Debattierenden und Zuhörern. Allerdings ist das Theater scheinbar nur groß genug für einen Halbkreis. Nobody is perfect. Die freien Stühle zwischen den im Halbkreis sitzenden Experten sind dann aber trotzdem eine Einladung, um Platz zu nehmen und somit an der Debatte zu partizipieren. Dieckmann macht klar: „Findet ein anderer Zuhörer, dass ein Außenstehender genug in der Diskussionsrunde gesagt und gefragt hat, kann er ihn durch Abklatschen ablösen“. Und da der Expertenkreis sozusagen im Zuhörerkreis eingeschlossen ist, heißt das ganze eben Fishbowl.

Jetzt erfahren wir auch, wer die drei Herren und eine Dame sind: Michael Blohm, Mitarbeiter im Bundesministerium für Umwelt und Energie, Dr. Michael Garmer, energiepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Peter Masloch, Vorstandsmitglied der BürgerEnergie eG i.G und Julia Junge, die Leiterin der Geschäftsstelle klima-allianz Deutschland.

„Niemand darf auf der Strecke bleiben.“

Moderator Florian Dieckmann verschwendet nach der Vorstellungsrunde keine Zeit und lädt sofort dazu ein, nach vorne zu kommen, um mitzudiskutieren. Anders als ich dachte, finden sich sofort zwei junge Herren aus dem Publikum, die munter Fragen stellen. „Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und eine politische Herausforderung. Schließlich müssen Großprojekte gemeistert werden, ohne dass jemand auf der Strecke bleibt oder die Industrie verjagt wird“, erklärt Dr. Garmer und unterstreicht, wie komplex die Zusammenhänge der Energiewende sind und ich beginne allmählich zu ahnen, dass man die Energiewende weder schwarz noch weiß malen kann.

Auf die Frage des tapferen Freiwilligen, wie es denn geschafft werden kann, dass niemand auf der Strecke bleibt, bringt Dr. Garmer ein spannendes Beispiel in die Diskussion, was meine Einsicht noch verstärkt: „Nehmen wir die Aluminiumherstellung in Deutschland. Die ist wahnsinnig energieaufwendig.“ – Ja, das sind die Bösen, ist mein erster Gedanke dazu, doch die Einsicht kommt schnell: „Aber wir sind abhängig von dieser Industrie. Sie schafft uns wichtige Arbeitsplätze. Deswegen muss Deutschland trotz Energiewende attraktiv als internationaler Standort bleiben!“ Michael Blohm veranschaulicht schnell das Problem: „Nichts ist mehr wie es war. Wo wir früher mit unserer Energieversorgung sozusagen analog waren, sind wir mit der Energiewende digital geworden.“ Und diesen Digitalisierungsprozess gelte es für alle möglich zu machen, zu fördern, aber auch zu begreifen.
Trotzdem sei da eines nicht möglich: „Wir können nicht alle Interessen wahren. Wir können höchstens einen Ausgleich aller Interessen schaffen. Und da steht leider die Industrie gegen den Bürger.“ erklärt Dr. Garmer und ich kann´s mir schon denken, wer am Ende den Kampf verliert und mit seinen Steuern zahlen muss: „Der Bürger.“ Beendet Dr. Garmer dann den Satz.

Im Supermankostüm die Diskussion retten

Leider verirrt sich die Runde im Anschluss ein bisschen im Detail. Zahlen und Fachwörter zischen durch den Raum, sodass mir ganz schwindelig wird. Trotzdem ist das inhaltliche Niveau der Runde faszinierend, so muss man uns nicht mehr erklären, dass sich der Strompreis aus drei Hauptbestandteilen – Energielieferung, Netznutzung, Steuern/Abgaben/Umlagen – zusammensetzt und dass erneuerbare Energien mittlerweile einen Anteil von rund 20 Prozent an der Energieversorgung haben. Ein bisschen stolz bin ich schon auf uns. Denn nicht nur die Referenten können mit Wissen um sich schmeißen, wir können´s auch! Da sind die drei Workshops heute über Politik, Industrie und Forschung in Zeiten der Energiewende auf fruchtbaren Boden geplumpst.

Wo aber bleibt der Teil zur Partizipation in der Energiewende? Ich merke plötzlich, dass ich etwas tun muss, ich stehe auf, noch mal schnell das Supermankostüm zurechtrücken, ins Horn stoßen, dann was vom Zaun brechen – alle Blicke richten sich plötzlich auf mich. Jetzt bloß nicht gegen einen Stuhl laufen, denke ich. Irgendwie komme ich auch vorne an und setzte mich auf den letzten freien roten Stuhl zwischen Blohm und Masloch. Mein Herz pocht laut und Adrenalin strömt durch meine Adern, während ich mir die perfekten Worte zusammenlege. Zunächst komme ich zehn Minuten lang gar nicht dran, weil sich die Diskussion in einer sehr wichtigen, aber trotzdem zu spezifisch geführten Debatte über Fakten zur Energiewende verfährt. Mein Rettungsversuch kommt mir zunehmend deplaziert vor.

Dabei ist eines klar: Die Energiewende wird uns alle prägen, sie wird uns alle formen. Das zeigt auch die Diskussion: Jeder hält hier dem anderen vor, der lahmende Pferdefuß zu sein. Dabei bekommt es keiner hin, alle Interessengruppen unter einen Hut zu bekommen, geschweige denn zu beachten. Und genau das ist das Problem bei dieser Debatte: Die Referenten vertreten alle unterschiedliche Interessengruppen, wenngleich sie den anderen Gruppen trotzdem zugestehen, auch wichtig zu sein. Es findet aber keine richtige Diskussion statt, da alle im Grunde der Meinungen sind, dass erstens „natürlich eine Energiewende stattfindet und sie auch stattfinden muss!“, zweitens „keiner dabei auf der Strecke bleiben darf: weder die Industrie noch die Forschung oder gar der private Verbraucher“, und dass drittens „die Zukunft noch sehr ungewiss ist.“ Die Argumentationslinien unterscheiden sich einfach nur in ihren unterschiedlichen Spezifizierungen. Was dem ganzen Thema am Ende fehlt, ist eine weitere Eingrenzung, zum Beispiel, was die Energiewende konkret für die Gesellschaft bedeutet, damit nicht im Minutentakt ein neues Fass aufgemacht wird und sich gegenseitig zugestimmt und ergänzt wird.

Regionalwirtschaft und die Energiewende

Irgendwann gelingt mir dann aber der partizipative Rettungsversuch: Ich versuche, mehr über die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin zu erfahren, die 2014 das Berliner Stormnetz aufkaufen will – für schlappe 300 Millionen bis drei Milliarden Euro! „Durch diese Art der Bürgerbeteiligung wollen wir ein nachhaltiges Berlin schaffen und die Regionalwirtschaft stärken“, erklärt Peter Masloch das Konzept der Genossenschaft „BürgerEnergie“. Und da könne der Bürger konkret eine Sache für tun und somit auch eine dezentrale Energieversorgung schaffen: „Jeder von uns hat die Möglichkeit, den Stromanbieter zu wechseln. Es gibt in Deutschland 1100 Anbieter und jeder von uns kann aus ungefähr 124 Anbietern in seiner Region auswählen und somit auch auf erneuerbare Energien umsteigen. Diese Chance muss genutzt werden!“ fordert Masloch.

So richtig verstehe ich aber noch nicht den Vorteil einer dezentralen Energieversorgung und weshalb die Regionalwirtschaft so gut sein soll. Und da mir das Fragezeichen anscheinend auf der Stirn geschrieben steht, schiebt Masloch hinterher: „Der Vorteil der Regionalwirtschaft ist nämlich ganz simpel: Es können keine nationalen Verluste gemacht werden, die alle Bürger am Ende mittragen müssen, da man sich auf der untersten Ebene des Wirtschaftens bewegt. So könnte aber die Hauptstadt Berlin zum Beispiel wirtschaftlich enorm gestärkt werden.“

Leider bleibt aber dieses Beispiel im Laufe des Abends neben der Stadt Schönau, in der durch eine Bürgerinitiative die Elektrizitätswerke aufgekauft wurden, der einzige Diskussionsbeitrag, in dem Partizipation in der Energiewende angesprochen wird. Ein bisschen resigniert setze ich mich irgendwann wieder auf meinen eigentlichen Platz und warte vergebens darauf zu erfahren, wie ich mich in Zeiten der Energiewende einbringen kann.

„Wir brauchen ein neues Denken von Energie!“

Insgesamt bringt die Diskussion jetzt immer weniger komplett neue Aspekte hervor: Die Endlager-Frage von Atommüll ist natürlich nicht zu unterschätzen, da es bis heute kein Endlager gibt, trotzdem kann ich mir ein kleines Gähnen nicht unterdrücken. Ist eben nicht das erste Mal, dass man darüber diskutiert. Viele Themen, wie unter anderem die Frage, wie zu bestimmten Wetterbedingungen mit erneuerbaren Energien auch die Spitzenlast gesichert werden kann, wurden schon während des Tages häufiger behandelt und aufgegriffen. Die Abschlussdiskussion hat eher die Funktion einer Abrundung. Vielleicht ist das ja aber auch der Hauptzweck einer Abschlussdiskussion, denke ich mir. Es wäre ja wirklich viel schlimmer, wenn wir einfach nur so vor den Diskutanten säßen und nur Bahnhof verstünden.

Um genau 21.00 Uhr scheint Florian Dieckmann plötzlich das Unmögliche möglich zu machen: Er beendet die Diskussion auf die Minute genau. Wir sind schwer beeindruckt und ich bin auch ein bisschen froh, die Last des Theoretischen hinter mir zu lassen. Ein Satz der Abschlussrunde von Julia Jung brennt sich in meinem Gehirn ein: „Wir brauchen ein neues Denken von Energie“. Rundum! Schließlich glaubt in der Runde, so bemerke ich nach einer Umfrage, nicht einmal die Hälfte, dass wenn wir in ganz, ganz, ganz vielen Jahren im Rollator (hoffentlich energiesparender!) oder ähnlichen Geräten für Menschen mit weißen Haaren durch die City sausen, die Gesellschaft es geschafft haben könnte, den Energieverbrauch zu halbieren und den Anteil der erneuerbaren Energien auf 80 Prozent zu erheben. Ich übrigens auch nicht. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen!

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Über Andi Weiland

Jahrgang 1985, Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Langjährige Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit und Förderung von NachwuchsjournalistInnen. Vorstand der Jugendpresse Deutschland e.V. und Verantwortlicher der Medienprojekte „politikorange“ und „Jugendmedien.de“. Beschäftigt sich mit Technikphilosophie und betreibt mit ohrenflimmern.de sein eigenes Blog. Seit 2010 Gastredakteur der Berliner Gazette.