Wirtschaft, Verantwortung, Ethik
Es muss sich etwas ändern
Ist es vertretbar, Biobananen per Flugzeug zu importieren und Ist wirklich alles “Bio”, wo “Bio” draufsteht? Erzieht uns die kapitalistische Gesellschaft zu willenlosen Konsumenten? Um diese und andere Fragen geht es in der Querschnittsgrupe “Wirtschaft, Verantwortung, Ethik” auf der Pfingstakademie.
von Benedikt Villwock
Grundeinkommen – (k) ein Weg aus der Krise?
Kann die Freisetzung von kreativen Potentials zu einer moralisch-ethischen Wirtschaft beitragen? Ich bin da skeptisch.
Von Elena Gallo
Es muss sich etwas ändern
Ist es vertretbar, Biobananen per Flugzeug zu importieren und Ist wirklich alles “Bio”, wo “Bio” draufsteht? Erzieht uns die kapitalistische Gesellschaft zu willenlosen Konsumenten? Um diese und andere Fragen geht es in der Querschnittsgrupe “Wirtschaft, Verantwortung, Ethik” auf der Pfingstakademie.
Von Benedikt Villwock
Kristin Horn ist eine Aussteigerin. Zwar ging die 32-Jährige nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre direkt in ein Unternehmen. Bald störte sie aber die verantwortungslose Unternehmensführung. So kündigte ein verantwortlicher Mitarbeiter der Personalabteilung auf einem Meeting an, 4000 Mitarbeiter zu entlassen. Es hieß lapidar: “Wir sind ja nicht bei der Caritas!” Kristin Horn wollte diese Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen. Sie entschied sich, zu kündigen und fortan nicht mehr als Managerin zu arbeiten. Seitdem setzt sie sich für eine “gerechtere und verantwortlichere Ethik in der Wirtschaft und Gesellschaft ein”.
Die ehemalige Managerin bringt anschauliche Beispiele aus der Geschichte der Wirtschaft, erklärt die Auswirkung der Globalisierung und die Kennzeichen der Konsumgesellschaft. Um was geht es ihr dabei? Unternehmen haben kein Interesse, unnötig Arbeitsplätze zu erhalten. Bei Alcatel waren es 4.000 Mitarbeiter, bei anderen Unternehmen wären es weit mehr Entlassungen. Für die Massenentlassungen macht Kristin Horn eine schleichende Entwicklung des Kapitalismus verantwortlich. Es gäbe schon seit den 70er Jahren einen gesättigten Markt, d.h. es würden mehr Produkte verkauft, als benötigt. Das Interesse hätte sich gewandelt: Vormals suchten Käufer Verkäufer, die eine benötigte Ware anbieten, während heute Verkäufer Käufer suchen, die ihre (nicht benötigte) Waren kaufen. Die Folge dieser Entwicklung sei ein Bedeutungszuwachs des Marketing, eine Abzocke unaufgeklärter Konsumenten und schließlich die Wirtschaftskrise.
Das Publikum ist sich uneins, wie es diese antikapitalistische Einstellung aufnehmen soll. Einerseits treffen Kristin Horns Thesen auf Zustimmung. So z.B. sind sich alle einig, dass ein biologischeres Bewusstsein und eine transparentere Führung von Wirtschaftsunternehmen notwendig sei. Die durch Krabbenproduktion unbrauchbar gewordenen Strände in China oder die mit kerosinfressenden Flugzeugen importierten “Biobananen” empfindet das Publikum ebenfalls unverantwortlich. Andererseits hat das Publikum unterschiedliche Vorstellungen von der gegenwärtigen Situation und der sich daraus ergebenden Zukunftsprognosen. Die einen machen die Ölknappheit als das größte Problem der kommenden Jahre aus. Andere sehen fehlende Moral in der Unternehmensführung als die größte Herausforderung an. Die Meinungen um das “wieviel” und “wofür” driften auseinander. Einig sind sich bei einer Sache jedoch alle: Es muss sich etwas ändern.
Grundeinkommen – (k) ein Weg aus der Krise?
Kann die Freisetzung von kreativen Potentials zu einer moralisch-ethischen Wirtschaft beitragen? Ich bin da skeptisch.
Von Elena Gallo
Eine Milliarde hungernder und unterernährter Menschen trotz genügender Nahrungsmittelproduktion, der Klimawandel wie auch der Verlust von Lebensgrundlagen als Folge unethischer Wirtschaftsaktivität, wie auch von Profitgier. Über Massenshrimphaltung und CO2 Belastung durch die Pupse der Mc Donals – Kühe bis zum Zusammenbruch des Finanzsystems. Kaum Rücksicht auf die Rechte und Bedürfnisse anderer. So schilderte Kristin Horn, Wirtschaftswissenschaftlerin aus Berlin, auf der Pfingstakademie in der Querschnitts AG zu Wirtschaft und Ethik die Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Es wurde heiß diskutiert und natürlich fielen bald Begriffe wie Regulierung und Planwirtschaft.
Konzept einer moralisch-ethischen Wirtschaft
Trotz der Fülle an Informationen war mein Interesse nicht gestillt. Ich wollte es ganz genau wissen und bat kritisch engagierte Betriebswissenschaftlerin und ehemalige Managerin um ein Gespräch, in dem sie ihre ganz persönlichen Vorstellungen preisgab, mit denen sie sich während der Diskussion noch zurückgehalten hatte. Horn vertrat plötzlich eine gewagte Utopie über die deutsche Wirtschaft. Sie vertritt das Konzept einer “moralisch-ethischen Wirtschaft”. Im Mittelpunkt steht die Umsetzung des Grundeinkommens. Dies könne ihrer Meinung nach dazu beitragen, die gesellschaftlichen Schichten aufzulösen und die Gesellschaft neu zu ordnen.
Wird jetzt alles besser? Was Soziologen dem Markt schon seit Jahren attestieren, dass die Zeit der Vollbeschäftigung vorbei sei, sieht auch Horn so. Deshalb entstehe für eine sehr große Gruppe Menschen viel Freizeit. Nun wäre es möglich, so Horn weiter, diesen nicht nur mit “konsumorientierter Freizeitgestaltung”, sondern auch mit Engagement für gute Zwecke zu füllen. So werde eine vorher nicht gekannte “Freisetzung kreativen Potentials möglich” und man könne sogar der Wohlstandsdepression durch sinnentleerten Konsum und Müßiggang vorbeugen. Das klingt nach einer Vision.
Eine schöne Idee, dachte auch ich mir. Allerdings kommen mir sofort Fragen auf. Schließlich sind die Interessen der Menschen sehr unterschiedlich. Vielleicht gibt es auch Menschen, die nun mal eines Wettbewerbs, einer Konkurrenzsituation bedürfen, um ihre Stärken zu zeigen. Das auf dem gleichen Einkommen für gleiche Arbeit basierende System würde diesen Menschen die Motivation nehmen, individuelle Stärken und Talente zu pflegen und davon zu profitieren. So war es zum Beispiel in der DDR.
Wertewandel wäre nötig
Warum sollte jemand, der erfolgsorientierter und -verwöhnter ist, freiwillig auf Vorteile verzichten? Und würde die Kreativität und das Potential wirklich so automatisch frei werden? Womöglich würde ein solcher Zwang alles nur noch schlimmer machen, so dass der positive Schwung utopischen Absicht bald ins negative überschwappt und Depressionen und Desinteresse sogar noch steigen? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Lösung, die ja auch von Soziologen bis Politikern aktuell lauthals diskutiert wird, der aktuellen Lage gerecht wird. Unsere Gesellschaft ist individualistisch, das macht es so unwahrscheinlich, dass ein derartig gleichmachender Eingriff nur positive Folgen hätte. Ein Wertewandel wäre nötig, der sich aber einfach nicht planen lässt. Erstens: Wie geht das alles eigentlich? Wie funktionieren die Märkte, welche Rollen spielen die einzelnen Akteure in einer globalen, von der Wirtschaft dominierten Welt? Und wie konnte es schließlich so einer derart gravierenden Krise kommen, ohne dass jemand etwas geahnt hat?
Und, die nicht weniger wesentliche Frage: Welche moralische Verantwortung tragen die Unternehmen und Banken? Wäre die Krise vermeidbar gewesen, wenn Ethik den gleichen Stellenwert hätte wie die Rendite? Und ist jetzt, wo es gilt die Märkte zu retten, alles erlaubt? Oder ist nicht vielmehr der einzige Weg raus aus der Krise der, zurück zu einem verantwortungsbewussten Handeln? Und wie würde en solches Handeln überhaupt aussehen?
Ein Ausflug in die Welt der globalisierten Märkte, ihrer Akteure, Regeln und der verschiedenen Auslegungen von moralischem Handeln.
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