Wenn wir(r) den Rahmen sprengen – politische Diskussionen in Zeiten von „political framing“

Es gibt eine Menge zu diskutieren – heute mehr denn je. Aber wie können wir offen, auf Augenhöhe und mit dem Blick fürs Wesentliche miteinander reden? Und welche Rolle spielt unsere Sprache dabei? Bei einer eigenen BarCamp Session zum Konzept des „political framing“ sind PA-Teilnehmende der Sache auf den Grund gegangen.

Von Jan (26), der für einen Abend die Tischtennisplatte und Tanzfläche mal gegen den Laptop getauscht hat, um auch was zum Blog beizutragen.

In diesem Jahr hat die Pfingstakademie Neuland betreten, indem sie die Diskussionsmethode der Asamblea für den thematischen Austausch mit allen Teilnehmenden und Gästen aus Politik und Zivilgesellschaft genutzt hat. Vieles an dieser Methode war neu, manches fordernd, und doch waren sich die Beteiligten dahingehend einig, dass durch die Asamblea eine neue, andere Art von Gespräch zustande gekommen ist. Einiges aus der Asamblea hat auch in den BarCamp-Tag am Sonntag hineingewirkt – ein schönes Beispiel dafür war die BarCamp Session rund um das Thema „political framing“.

Von der Asamblea zum BarCamp

Auf die Agenda kam dieses Thema, weil die Teilnehmenden der Pfingstakademie bei der Asamblea regen Gebrauch von den verschiedenen Handzeichen gemacht haben, mit denen Positionen, Wünsche und Anregungen in einer Diskussion nonverbal deutlich gemacht werden können, ohne dass man sich dazu explizit melden muss. Eines dieser Handzeichen macht „Klärungsbedarf“ deutlich, und zwar bezogen auf Aussagen und Begrifflichkeiten in der laufenden Diskussion. Als nun das Konzept des political framing in die Debatte geworfen wurde, war zweierlei schnell klar: Dieser Begriff muss erklärt beziehungsweise geklärt werden; das wiederum war nicht so einfach [und führte im Erklärprozess sogar zu weiteren erklärungsbedürftigen Begriffen – Sprache kann manchmal doch sehr tricky sein], weshalb die Teilnehmenden ein weiteres Handzeichen der Asamblea auspackten: den Vorschlag, das Thema aus der laufenden Diskussion quasi outzusourcen und in einer Arbeitsgruppe weiter zu vertiefen. Damit war das Feld für eine BarCamp-Session bereitet.

Wichtig erschien diese eher trockene, weil begriffstechnisch anmutende Session aus zweierlei Gründen: Zum einen ist das Konzept des political framing noch nicht besonders lange präsent – zumindest im deutschen Sprachraum. Zum anderen scheint das Thema wichtig zu sein, um die Debatten rund um das Oberthema der Pfingstakademie anders zu beleuchten. Das sahen auch die 25 Teilnehmenden der Session so. Aber wer oder was ist denn nun dieses political framing, und was hat es mit Diskussionen, und uns als denjenigen die Diskussionen zu tun, und warum ist das ganze so wichtig?

Sag an – was heißt jetzt political framing?

Das Thema ins deutschsprachige Scheinwerferlicht gerückt hat Elisabeth Wehling, eine Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin, die in Kalifornien lehrt und forscht. In ihrem 2016 erschienenen Buch „Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ hat sie das Konzept griffig aufbereitet. Political framing greift, verkürzt dargestellt, auf Erkenntnisse aus der Kognitionswissenschaft zurück, die zeigen, dass wir Begriffe und Aussagen, die wir hören/lesen/wahrnehmen immer in Kontexte einbetten und damit meistens schon mehr annehmen, als in der eigentlichen Aussage steckt.

Der Begriff „Hammer“ wird dann schnell um eine Wand und einen Nagel ergänzt, die Aussage „der Vogel ist am Himmel“ sorgt dafür, dass unser Kopf einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln schneller bereitstellt als andere Bilder. Damit wir komplexe Sachverhalte greifen und verarbeiten können, binden wir sie in bestehendes Wissen und vorherige Erfahrungen ein – wir „rahmen“ sie sozusagen, womit wir beim Begriff des „framing“ wären.

 

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Für politische Diskussionen, die gewissermaßen qua Definition komplexe Thematiken bearbeiten, bedeuten frames eine Ordnungsstruktur, die manche Ideen stärker einbezieht als andere. Das heißt, dass unsere politischen Debatten, unser (mal mehr mal weniger) kultivierter Streit darum, was das richtige für uns als Gemeinschaft ist, durch vielfältige sprachliche Deutungsrahmen geprägt ist. Oftmals unbewusst rufen wir Bilder und Assoziationen auf, die uns in eine bestimmte Richtung lenken. Sprechen wir von einer „Flüchtlingswelle“, bringen wir den Rahmen einer Naturkatastrophe, die bedrohlich und zugleich von außen kommend und nicht von Menschen gemacht erscheint. Begriffe wie „Steuerlast“ oder „Mindestlohn“ haben ähnlich viele frames im Gepäck.

So weit, so mies. Was wir durch den Bezug auf Wehlings Buch im Besonderen gelernt haben, ist zweierlei: Einerseits schwingen in unserem Sprachgebrauch derart viele Bedeutungsmuster mit, dass sie den Inhalt unserer Diskussionen zwangsläufig beeinflussen. Andererseits kommen wir aus der Nummer nur schwer wieder raus, selbst wenn wir gemerkt haben, dass wir uns mit einem bestimmten Begriff Dinge einkaufen, die vielleicht meilenweit von unseren inhaltlichen Positionen entfernt liegen. Denn wenn wir versuchen, einen frame zu verneinen, also zum Beispiel darauf hinweisen, dass es „keine Flüchtlingswelle“ gibt, verstärken wir damit den frame, den wir eigentlich kritisieren wollen.

So weit, so frustrierend. Aber das ganze muss nicht zwingend ein Teufelskreis sein. Immerhin führt das Konzept des „political framing“ uns vor Augen, welche Mechanismen über unsere Sprache wirken, und sensibilisiert uns dafür, unsere eigene Sprache, aber auch die Sprache, die uns umgibt, in Medien, in unserem Umfeld, kritisch zu hinterfragen. Damit können wir die Wirkung von Sprache als ein Instrument zur Herrschaft besser nachvollziehen. Einen Schritt weitergehend können wir sogar versuchen, eigene „frames“ zu kreieren und sprachlich zu etablieren, die stimmiger mit unserem Weltbild und unserem Blick auf Politik oder Gesellschaft sind. Anstatt bestehende „frames“ nur zu kritisieren, müssen / können / sollen wir ihnen also neue Deutungsrahmen entgegensetzen.

Es bleibt kompliziert

Einfach ist das alles aber nicht, darauf weisen zwei wichtige Erkenntnisse der BarCampSession hin: Zum einen brauchen wir ganz offensichtlich frames, um die vielen Informationen, die es in komplexen Themenfeldern gibt, zu sortieren und zu verarbeiten. Daraus folgt aber, dass wir uns beim Aufbrechen von und Ausbrechen aus bestehenden frames immer neu sortieren müssen, mitunter Bezüge verlieren, die uns bisher Halt und Orientierung gegeben haben. Welche frames wie bei uns wirken, hat also sehr viel mit unserer Lebensrealität und den dort wirkenden Strukturen zu tun. Unsere Sprache anders zu betrachten und gegebenenfalls anzupassen, läuft somit bei uns allen unterschiedlich schnell und intensiv ab.

Zum Anderen wurde auch klar, dass wir in dem Moment, in dem wir eigene frames definieren und im Sprachgebrauch setzen, selbst Gefahr laufen, manipulierend zu wirken und anderen Menschen unsere Positionen unbewusst einzutrichtern. Dieser Gefahr müssen wir uns selbstreflektiert bewusst sein, und wir können sie – so die Überlegungen im BarCamp – nur dann akzeptabel einhegen, wenn wir größtmögliche Transparenz schaffen hinsichtlich unserer Positionen, Ziele und Werte, die für uns von Belang sind.

Wir haben es also mit einem anspruchsvollen Vorhaben zu tun. Aber auch mit einem, das für die Art wie wir miteinander diskutieren und die Welt um uns herum wahrnehmen, enorm wichtig ist. Für die Teilnehmenden war klar: Das kritische Hinterfragen der eigenen Alltagssprache kann nur der erste Schritt sein. Strukturell zu prüfen, was die uns umgebende Sprache mit uns macht / was sie bei uns auslöst, ist eine fortlaufende Herausforderung, die man nicht alleine bewältigen kann, sondern für die ein gemeinsames Bewusstsein geschaffen werden muss. Ob das in einem Unterrichtsfach Kommunikation münden kann und soll wurde unterschiedlich bewertet. Sich als Gruppe Zeit zu nehmen, um ein solches Thema, das nicht zwingend cool und catchy ist, zu bearbeiten und sich gegenseitig beim Schärfen unserer Sprachsinne zu helfen, das war jedoch für alle Beteiligten zugleich Fazit und zukünftiges Ziel der BarCampSession.

Das Titelbild stammt von Michel Dornbusch.