Die Top 10 der politischen Protest- und Beteiligungsformen

Politische Partizipation hat viele Formen. Die einen treten einer Partei ein, den anderen reicht es, alle paar Jahre bei der Wahl ein Kreuz zu setzen. Manche Menschen gehen auf die Straße, andere starten Petitionen und wieder andere nerven ihre Abgeordneten so lange mit E-Mails bis die Server zu glühen drohen. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten. Und wer, nachdem er den Titel dieses Beitrags gelesen hat, denkt, es geht jetzt um nervige Sitzblockaden und Steinewerfen im Antifa-Style, der ist weit gefehlt! Also hier sind sie, die Top 10 der politischen Protest- und Beteiligungsformen!

Von Thorolf (20), dessen Zeichensetzung, so manche Lektorinnen in den Wahnsinn, getrieben haben.

Nummer 10: Kritische Fragen stellen
Was sich zunächst lediglich nach einem logischen Ansatz für eine normale Gesprächskultur anhört, ist in der heutigen Zeit von Filterblasen und thematischen Echokammern dringender nötig denn je. Und am Besten ist es, wenn das Ganze auch noch öffentlich passiert! Tilo Jung, ein Journalist der durch bissige, aber nicht unfaire Fragen in der Bundespressekonferenz eine große Facebook-Gemeinschaft um sich geschart hat, von der manche Print-Zeitung nur träumen kann, zeigt, wie man es richtig macht. Doch es geht nicht nur um Pressekonferenzen. Politiker haben ständig öffentliche Auftritte mit anschließender Fragerunde. Wenn man sich vorher ein bisschen vorbereitet und auf einen zivilisierten Ausdruck achtet – wir wollen ja nicht auf Kindergartenniveau sinken – kann man sich an das Bloßstellen der politischen Riege machen. Denn wer einmal bloßgestellt wird, der wird versuchen, das in Zukunft zu verhindern, macht nächstes Mal vielleicht eher seine Hausaufgaben, informiert sich und kommt so vielleicht auch zu einer anderen politischen Meinung.

Nummer 9: Passantenquiz mit überraschenden Antworten
Wenn man Menschen von einer bestimmten Ansicht überzeugen will oder man zumindest erreichen möchte, dass diese über ihre Vorurteile reflektieren, dann hilft es, wenn man in der Fußgängerzone DIE Fragen stellt, auf die die Menschen nicht von alleine kommen. Beispielsweise das Thema Islamophobie: Die Comedy-Fernsehsendung, „Luke, die Woche und ich“ zeigt vorbildlich, wie man Menschen auf humoristische Art und Weise zum Nachdenken bringt. Die Frage: Stammt das folgende Zitat aus der Bibel, dem Koran oder Der Herr der Ringe? Und aufgrund ihrer Vorurteile ordnen die Menschen positive Zitate der Bibel und gewaltsame Sprüche dem Koran zu. Meist ist die Antwort falsch. Denn in beiden Büchern stehen gleichermaßen harmonische und gewalttätige Dinge. Aber aufgrund des witzigen Settings und des „Herr der Ringe“-Zusatzes kann hinterher gelacht werden und niemand ist mit einem Konflikt zwischen seiner bisherigen Weltanschauung und den tatsächlichen Fakten konfrontiert. Und diese Art des Reflektierens kann auf unglaublich viele Themen angewandt werden.

Nummer 8: Umfragen(-beeinflussung)
Wer seiner Meinung Gehör verschaffen will, der holt sich am Besten die Meinung der breiten Bevölkerung auf seine Seite. Du bist gegen Waffenexporte und laut deiner Umfrage auch 80% deines Wohnortes? Dann schreib das so doch mal deinem Bürgermeister oder Bundestagsabgeordneten. Keine Zeit und keine Ressourcen eine eigene Umfrage zu erstellen? Dann nimm einfach selber an einer Befragung teil und bring auch alle, die du kennst, dazu dasselbe zu tun. Und je nachdem, wann und wo du dies tust, ist das unterschiedlich effizient. Auf der Website der AfD Berlin beispielsweise gibt es, wenn man zum Ende der Seite runter scrollt, alle paar Tage eine neue, kleine politische Umfrage, die sicherlich ab und an bei internen Treffen als „Statistik“ hinzugezogen wird. Wenn nun mehr linksorientierte Menschen daran teilnehmen als Anhänger der Partei, dann kommen von Seiten der AfD zu bestimmten Fragen in Zukunft vielleicht weniger kontroverse Standpunkte. Oder es wird Verwirrung in den ihren Reihen gestiftet, was wenigstens Grund zur Schadenfreude sein kann.

Nummer 7: (Aus-)Nutzung eines Systems
Wenn ein Klischee über Deutschland stimmt, dann, dass es hierzulande wahrlich keinen Mangel an Bürokratie gibt. Wo es Meinungen oder Problemstellen gibt, gibt es Institutionen oder Strukturen, die diese vertreten oder sich darum kümmern. Wo es Strukturen gibt, gibt es Regeln. Wo es Regeln gibt, gibt es Lücken. Wenn nicht, gibt es Papierkram, der diese abdeckt. Wo es Papierkram gibt, gibt es Menschen, die diesen bearbeiten müssen. Und die kann man nerven. Durch einen Schwall an Anträgen, Petitionen, Beschwerdemails oder Anfragen ist schon so mancher Beamter oder Angestellter zum Verzweifeln gekommen. Wer sich mit solchen Dingen in einer größeren Anzahl auseinander setzen muss, der verliert nicht nur die Lust am Verfolgen seiner Ziele, er verliert auch die Zeit dafür. Aber Obacht: Viele Menschen, die in etwaigen Positionen und für so etwas verantwortlich sind, haben auch noch andere Verpflichtungen und es entsteht vielleicht ein Schaden, der nicht gewollt ist!

Nummer 6: Inspiration schenken
Wer an politische Beteiligung denkt, setzt sich über kurz oder lang auch mit Protest auseinander. Das Gegenstück hierzu ist nicht der Ansatz des „Gegen-Etwas-Sein“, sondern das Pendant dazu. Denn wer „gegen“ etwas ist, ist meistens „für“ das Gegenteil dessen. Und wie könnte man schöner für etwas werben, als durch Gänsehautmomente die Begeisterung für die eigene Sache zu wecken. Denn wer kennt das nicht? Emotionale und energetische Reden aus Film und Fernsehen. Musik, die durch eine Harmonie aus Melodie und Text die inneren Höhen in Herz und Haupt zu neuen Spitzen treibt. Oder einfach nur simple YouTube-Videos, die die Reden historischer Größen in neuem Glanz in den Kontext der heutigen Welt stellen und so die Inspiration von weisen Männern und Frauen erneut verbreiten. Inspiration schenkt Kraft. Und wenn man etwas verändern will, kann man davon mehr als genug gebrauchen. Warum also nicht selbst so etwas produzieren? Sicherlich ist das nicht die leichteste aller Aufgaben, aber immer wieder gibt es Facebook-Clips die genau das versuchen. Also Stift und Papier gezückt und ran ans Werk!

Nummer 5: Banner-/Flyer-/Beameraktionen
Die wohl simpelste Form der Aufklärung ist heutzutage das banale Aufhängen von Plakaten. Doch das Wie und Wo können entscheidend sein für den Erfolg. Ein Infozettel an der Ampel mit Tesafilm und Abreißzettelchen? Nicht sonderlich kreativ. Die geheimen Dokumente aus TTIP-Verhandlungen mit Beamer in Übergröße an die Wand des Reichstags gestrahlt? Na, das ist Stoff für die Titelseite! Das werden sich zumindest die Leute bei Greenpeace gedacht haben, als sie im Mai 2016 genau das gemacht hatten. Jetzt haben natürlich nur die wenigstens die Ressourcen einer internationalen NGO, aber wenn man sich ein bisschen Gedanken macht, wo und wer den Banner am besten sieht, erfährt in aller Regel weniger Streueffekt bei seiner Werbemethode, ob nun Beamer, Banner, Plakat oder Flyer.

Nummer 4: Soziale Experimente als Aufklärungsmethode
Es gibt ein kleines Experiment eines französischen YouTubers, der zwei Versuchspersonen auf einer öffentlichen Straße scheinbar kollabieren ließ. Die erste Person war augenscheinlich ungepflegt und arm, die zweite war Anzugträger. Gemessen wurde die Zeit, bis Personen zu Hilfe kamen. Bei der ersten Versuchsperson gingen die meisten Passanten einfach weiter, bei der zweiten kam beinah sofort jemand. Ein simples Experiment, aber die Message ist deutlich und hat entsprechend Wellen geschlagen. Das Video hat mittlerweile mehr als neun Millionen Klicks, die Kommentare sind ein Gemisch aus Zynismus und Fassungslosigkeit. Das Schöne daran: Jeder kann so etwas durchführen! Soziales Problem erkennen, Versuchskonzept entwickeln, Kamera an und los gehts!

Nummer 3: Reichweitenaktionen
Bei so ziemlich allen Aktionen, die man durchführt, um ein gesellschaftliches oder politisches Problem zu behandeln, geht es um Reichweite. Wenn die Aktion cool, innovativ, gelungen oder schockierend ist, kommt die Reichweite gefühlt fast von allein, ob über soziale oder Print-Medien. Ein anderes Konzept ist, durch Interaktivität mit dem Internet-Nutzer die Reichweite an das Projekt anzuknüpfen. Jugend gegen Aids (JGA) organisierte 2011 ein Projekt, bei dem sie eine Statue der heiligen Jungfrau Maria nachbauten, die eine Träne vergoss, wenn die Facebook-Seite des Vereins ein zusätzliches Like bekommen hat. Eine Träne für die zahlreichen Opfer des HI-Virus. Der Hintergrund: Wenn die katholische Kirche die Verwendung von Kondomen nicht mehr verteufeln, sondern befürworten würde, würden weniger Menschen erkranken. Innerhalb einer Woche wurden über Hunderttausend Likes generiert, es wurde gebloggt, getweetet und ein öffentlicher Diskurs wurde gestartet. Reichweite generierte Reichweite, mit verhältnismäßig wenig Aufwand. Ein Like ist für einen Facebooknutzer kein nennenswerter persönlicher Aufwand und wenn man es schafft, den Menschen die Möglichkeit zu geben, mit einem Mausklick etwas Positives zu bewirken, dann verbreitet sich so etwas von ganz alleine.

Nummer 2: Das Gegenteil überzogen darstellen
Wenn man nicht mit einer einschneidenden Aktion für die eigene Sache aufkommt, fällt einem vielleicht was zur gegnerischen Position ein. Als 2012 in den USA die Ehe für alle noch in den meisten Bundesstaaten verboten war, überlegte sich ein Comedy-Portal einen satirischen Umgang mit der Gegenmeinung. Was wäre denn, wenn Ehe nur zwischen Mann und Frau erlaubt bleibt? Nun, homosexuelle Menschen könnten nur das jeweils andere Geschlecht heiraten. Der eine Makel, den der Traummann einer jeden Frau hat? – Er ist schwul. Wenn er jetzt nicht mal seinen eigenen Vorstellungen nach heiraten und leben darf, tut er dies eben mit einer Frau, aber wenn du zufällig auch an ihr interessiert bist…? Tjaaaa…
Also nicht immer nur in den eigenen, gewohnten Bahnen denken. Vielleicht auch mal sich in die gegensätzliche Meinung hineinversetzen, um Fehler in der Logik aufzudecken.

Nummer 1: Gegnerische Aktionen in die eigenen verwandeln oder einbauen
Die besten Schachspieler können die Figuren des Gegners wie die eigenen benutzen. Das geht auch mit politischen Aktionen. Beim Spendenlauf „Rechts gegen Rechts“ liefen Neo-Nazis mehr oder minder unfreiwillig für einen Ausstieg aus der eigenen Szene. Ein traditioneller Trauermarsch für Rudolf Hess, ein verstorbener Nationalsozialist, wurde in einen Spendenlauf für Menschen, die aus der Neo-Nazi-Szene aussteigen wollen, verwandelt. Der Witz, die Ironie und der Biss dieser Aktion werden höchstens übertroffen von der Geldmenge die gesammelt wurde: 10.000 Euro gegen Rechts. Medienaufmerksamkeit durch Gewitztheit? Check. Bloßstellung des politischen Gegenübers? Check. Chancen auf den Schachweltmeistertitel? Auch Check. Denn wer es schafft, derartig strategisch zu denken und nicht nur eine eigene starke Aktion zu organisieren, sondern auch noch die des Opponenten zu verhohnepiepeln, der muss wohl einen guten Sinn für Voraussicht besitzen!

Titelbild (c) Andi Weiland | www.andiweiland.de (CC by)