Wer sind wir und wenn ja, wie viele?

Wer im Netz unterwegs ist, bekommt immer wieder Artikel über die Eigenschaften von Generationen in seinen Newsfeed gespült. Wenn ein Wochenende Jugendliche aus ganz Deutschland über Identitäten sprechen, ist das ein guter Moment um innezuhalten und die Frage zu stellen, wer wir denn jetzt eigentlich sind. Wer ist unsere Generation, was macht sie aus? Wo ließe sich das besser herausfinden als in diesem Internet, von dem immer alle reden. Wie wäre es mit dem wirren Zitieren von Facebook- und Instagramposts – so wie man das eben heute macht in modernen, aktuellen Artikeln im Netz. Ein Charakterbeschreibungsversuch für die Generation Y.

Von Benedict Lang (darf sich bald B.Sc. nennen, sucht aber immer noch nach seiner Identität.)

Achtung – dieser Text ist gegendert. Einige in meiner Generation würden sagen, was für ein Scheiß – Frauen sind doch heute wohl gleichberechtigt. Viele andere würden sagen, das finde ich gut, da denkt jemand über Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft nach. Allein dieses Beispiel steht stellvertretend für eine Generation, in der es von oben bis unten alles gibt, alles möglich scheint und dennoch jeder für sich kämpft.

Wir hängen im #festivalsummer abgefuckt auf irgendwelchen Bauernwiesen rum – man nennt sie für fünf Tage im Jahr Campingplatz – und schießen uns mal so richtig ab. Es ist der Ausbruch aus einem Leben mit Druck und Stress – ein Leben im Extremen. Am verkaterten Montag danach posten wir erstmal ein Foto von unserem Detoxshake und zeigen der Welt, wir sind gesundheitsbewusst.

Nach der Schule oder Ausbildung? Erstmal ins Ausland. Wir wollen weg, wir wollen raus. Was erleben.  Wer nicht in Neuseeland oder Australien war oder mindestens irgendwo in Peru in einer Schule Deutschunterricht gegeben hat, hat nicht nur für den Lebenslauf eindeutig was verpasst.

Gleichzeitig identifizieren wir uns mit unserem Zuhause, wollen sesshaft werden, streben ein geregeltes Leben an. Auch der Ausdruck regionaler Zugehörigkeit kommt wieder in Mode: In München wird gerade ein Klamottenlabel groß, das unter dem Namen Bavarian Couture T-Shirts und Hoodies mit Mundart vertreibt. Die zugehörige Facebookseite existiert seit Dezember 2011 und hat heute 32.000 Likes.

 

Jede Einladung zu einer Facebookveranstaltung wird mit “Interessiert” oder “Vielleicht” beantwortet. Nur nicht festlegen, bis zum Schluss offenhalten, was wir heute Abend machen. Wir schieben alle Zu- oder Absagen bis zum Schluss auf. Schreiben unseren Freund*innen im letzten Moment ein “Sorry, schaffs heute nicht – tut mir voll leid aber ich wünsch euch viel Spaß” per WhatsApp und verbringen den Abend dann doch alleine zuhause – das Netflixabo ruft.

YOLO schafft es zum Jugendwort des Jahres – gut, das ist nicht nur unser Verdienst, ist aber erstmal ein Fakt. You only live once, nutze den Tag, denke heute nicht an morgen. In der Kurzlebigkeit von WhatsApp-Nachrichten oder Posts auf Facebook und Instagram erscheint das ein plausibler Lebensstil. Doch währenddessen sind wir auch diejenigen, die bitte schon gestern ihre Riester-Rente abgeschlossen haben sollten. Die Uhr tickt, von der gesetzlichen Rente bleibt am Schluss ja eh nix übrig.

Wir verabreden uns zum Vögeln auf Tinder, swipen Persönlichkeiten von links nach rechts, wenn wir sie nicht auf den ersten Blick attraktiv finden. Wir verbringen einen kitschigen Pärchenabend zu zweit daheim. Liebe ist total individuell, jede*r darf machen was er*sie will – aber sind die jetzt eigentlich zusammen?

Aufgrund der unzähligen Möglichkeiten, die sich uns im Jahr 2016 bieten, erleben wir eine nie zuvor existente Vielfalt, unsere Identitäten zu definieren. Gleichzeitig werden wir nach wie vor anhand unserer Identitäten in Schubladen gesteckt, gemessen, eingeordnet. Nach wie vor haben Frauen es in der Arbeitswelt wesentlich schwerer als Männer. Kevin und Chantal bekommen jeden Tag aufs Neue schlechtere Noten als Katharina und Maximilian – beide aus gutem Hause, Maximilian trägt Brille. Mustafa wird komisch angeschaut, wenn er sich vorstellt – ob er wohl gläubiger Muslim ist?

Dabei steht jede*r unter dem Druck möglichst schnell möglichst erfolgreich zu sein – was heißt das eigentlich, erfolgreich? – und am Ende des Lebens aber doch bitte auch noch die Welt verbessert zu haben. Sozial sein ist Pflicht. Sich einsetzen für Andere ist total in. Wir sind die Generation Maybe – die, in der alles geht und der Druck doch groß ist. Wir sind die Unentschlossenen, die genau wissen was sie wollen. Wir sind unterschiedlich. Individuen, über die man kein pauschales Urteil fällen kann. Eins vereint uns damit alle: Wir lassen uns nicht in einem amateurhaften Blogpost beschreiben, also hört auf mit diesem Generationenquatsch.