Sex ist politisch!

Mann oder Frau? Wer so binär über geschlechtliche Identitäten denkt war nicht in dem Workshop von Lisa Hell und Lara Ledwa. Die zwei Spezialistinnen haben Thementag der Pfingstakademie (2016) mit dem Workshop „Sexuelle Identität(en)“ bereichert.

Von Hannah Imhoff (kann ihr Geschlecht auch tanzen, Waldorf sei Dank!)

23 Menschen im Theatersaal, 23 Identitäten, 23 mal personenstarkes Interesse an sexuellen Identitäten. Doch die Referentinnen Lisa und Lara erklären gleich zu Beginn, dass der Titel „sexuelle Identität(en)“ allein zu beschränkt sei, diese stehen nämlich in unmittelbarer Verbindung zur geschlechtlichen Identität. Doch was sind sexuelle und geschlechtliche Identitäten überhaupt? Die geschlechtliche Identität wird schon bei der Geburt per rosa oder blauem Fußbändchen festgelegt, merkt eine Teilnehmerin an. Die Gruppe ergänzt, dass nach der Zuschreibung des Aussehens, alles weitere durch die Anderen, also dein soziales Umfeld eingeordnet wird.

Es gilt die hetro-Normativität, die monogame Mann – Frau oder Frau – Mann Beziehung am besten mit Haus und Kind, definiert wird jeder durch drei, voneinander abhängige Begriffe: Grundlegend dein biologisches Geschlecht „sex“ genannt. Nach dem hast du als Frau XX Chromosomen, Eierstöcke und „weibliche“ Brüste. Ein körperliches Merkmal, das deinem Geschlecht zugeschrieben wird, nicht der Frauenbart, nicht die Schuhgröße oder die Augenfarbe ist es, nein es sind deine weiblichen Brüste.

Dazu kommt dein soziales, gelerntes Geschlecht – „gender“. Als Junge liebst du Autos, Fußball und die Farbe Blau. Und zuletzt dein begehren, deine Sexualität – „desire“. Hier kommt es im Grunde darauf an mit wem man wann und wie oft schläft. Als Sex gilt einzig das gegenseitige Penetrieren, Petting zählt da nicht – aber warum eigentlich? Für intensivere Auseinandersetzung bietet das queer-lexikon.net mehr Input oder spezieller bildet auch das „Safer Sex“ Handbuch von Daniela Stegemann weiter.

Okay und was ist jetzt normal? Eigentlich alles oder nichts, denn auch der Begriff „Normativität“ befindet sich im ständigen Wandel und wird von der sich verändernden Gesellschaft stetig neu definiert. So ist heutzutage ein schwules, weißes, reiches Pärchen, Beruf Modedesigner vielleicht gar nicht mehr „unnormal“?

Lara Lettwa (l) und Lisa (r) Hell (c) Aileen Yue | Pfingstakademie

Lara Lettwa und Lisa Hell (v.l.n.r.) erklären auch gerne mit Händen (und Füßen/Schuhgrößen) die geschlechtlichen Vorurteile. (c) Aileen Yue | Pfingstakademie

So erklärt die 27-jährige Referentin und Workshopleiterin Lisa warum wir überhaupt noch darüber diskutieren, wer jetzt lesbisch, schwul oder transgender ist?

O-Ton Lisa Hell

Die Philosophie- und Geschichtsstudentin Lisa kommt zum dem fast schon deprimierenden Fazit, dass durch Fragen wie: warum sind ‘die Anderen’ anders, ‘die Anderen’ anders gemacht werden.Dagegen ist es für ihre Mitreferentin Lara, die Genderforschung studiert, wichtig und bestärkend über nicht heterosexuelle Lebensformen zu sprechen.

O-Ton Lara Ledwa

Doch auch für Lisa ist es eine wichtige politische Sache, aufzuzeigen, wie entweder über alles, was nicht der hetrosexuellen Norm entspricht, geschwiegen wird oder es als „das Andere“ abgegrenzt wird. Nichtsdestotrotz ist jedes Sprechen wichtig, egal von welcher Position aus. Dieses Sprechen ist den 23 Menschen wichtig geworden und der Dialog geht weiter, denn das Thema wird auch noch außerhalb des Workshops debattiert. Die 23 Individuen verlassen den Theatersaal mit den Fragen, wer sie sind und wie sie angesprochen werden wollen, erkennbar an ihren Namensschildern, auf denen hinter ihren Namen noch ihre Zuschreibung vermerkt ist oder auch nicht: Kevin/Er. Alessa/(Alessa). Hannah/Sie. Der Workshop endet, doch das Interesse bleibt, das Interesse an sexuellen und geschlechtlichen Identitäten.

Titelbild: Andi Weiland | www.andiweiland.de