#Ich auf Identi.ty

Es gehört viel dazu, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich ist. Gut, dass wir auf der Pfingstakademie fünf Tage lang Zeit haben, uns dem zu stellen. Allerdings befinden wir uns im Jahr 2016 – weshalb wir uns auch fragen könnten, welche Rolle das Thema Identität(en) im Internet spielt.

Von Valentina Schüller (wurde letztens von Facebook gebeten, ihr Profilbild zu ändern, weil ihre Freunde sie sonst nicht mehr erkennen würden).

„Sag doch mal drei Wörter, die deine Identität beschreiben!“

Damit fing sie an, die Pfingstakademie Jugendbeteiligung 2016. Und natürlich klingt das leichter als getan – dennoch haben wir das alle schon mehrere Male gemacht. „Schreibe ein paar Details über dich selbst“ schlägt Facebook vor, wenn es uns mal wieder daran erinnert, dass nicht alle leeren Felder in unseren Profilbeschreibungen ausgefüllt sind. Sehr gerne, sagen wir, fügen Lieblingszitate hinzu, teilen unsere politischen Ansichten und ändern den Beziehungsstatus zu „Es ist kompliziert“.

„Was machst du gerade?“ fragt Facebook dann, sobald wir uns einloggen und in unseren News Feed schauen. Und wir antworten. Wieder und wieder und wieder und wieder. 293.000 Status-Updates gibt es pro Minute – ein Traum für Facebooks Datenzentren. Aber wie viel wissen die großen (Social-Media-)Plattformen – Google, Facebook, Twitter, Instagram – tatsächlich über uns? Und was sagt das über uns aus, wenn wir doch nur einen Teil der Informationen preisgeben, die uns als Menschen ausmachen?

#Ich und Donuts. Quelle: Slideshare

#Ich und Donuts. Quelle: Slideshare

Sobald wir uns genauer damit auseinandersetzen, wie wir im Netz unterwegs sind und was das über uns aussagt, kommen wir in ein beinahe philosophisches Territorium, reden über die Definition von Identität als solche und inwiefern wir im Internet eine haben. Wir diskutieren, ob die Netz-Identität eine singuläre ist oder auf jeder Plattform eine andere. Ist das „#Ich“, das Ich im Internet, ein Teil unseres Offline-Daseins oder steht es gleichgestellt daneben?

Ganz gleich, zu welchen Antworten wir in diesem Diskurs kommen werden – wir sollten uns ihm definitiv widmen, richtig? Brauchen wir also ein Bewusstsein dafür, wer wir auf Facebook sind und wie sich diese Identität von unserem Offline-Dasein unterscheidet?

Ich sage ganz klar: ja! Aber weshalb?

Wir müssen wissen, dass sich Social-Media-Plattformen ausrechnen, wie wir ticken, weil unser News Feed auf Facebook nicht die Tagesschau ist, sondern eine auf uns zugeschnittene, subjektive Sammlung an Nachrichten. Das ist nicht das Gegenteil von informativ – aber auch nicht das Gleiche.

„Your past and future life on the product becomes a many-many-dimensional matrix. This matrix is nameless. But this matrix is you.“

Matt Hackett, Mitbegründer der Video-Sharing-Plattform Beme und früherer VP of Engineering bei Tumblr, auf Medium.

Wir müssen wissen, dass diese „Matrix“ von uns, von der Matt Hacket schreibt, nicht unsere gesamte Persönlichkeit ist, weil eine 140-Zeichen-Biografie auf Twitter, meine Interessen und mein Beziehungsstatus auf Facebook nicht alles über mich verraten können. Heißt: Obwohl unser Netz-Ich offensichtlich ein reduziertes, vereinfachtes, bisweilen falsches Bild von uns ist, bekommen wir nur darauf basierende Informationen, Freundesvorschläge und Seiten angezeigt. Auch hier können sich Meinungen bilden, das ist klar. Die Frage ist nur: Wenn wir das Internet auch als Medium zum Meinungsaustausch, zur Berichterstattung und Beobachtung politischer Prozesse akzeptieren möchten (wie es bei Fernsehen, Radio und Zeitungen durchaus der Fall ist), wie können wir dann damit umgehen, dass die Identitäten im Internet nur fehlerhafte Versuche an Abbildern von uns sind? Wie können wir damit umgehen, dass ein Teil der Gesellschaft nur eine Seite öffentlicher Debatten dargestellt bekommt, weil der Algorithmus glaubt, dass die andere für diese Personen uninteressant ist?

Ganz egal, welche Interessen diese Netz-Identität(en) von uns hat oder haben – durch die Zeit, die wir täglich im Internet verbringen, beeinflusst uns das, was wir angezeigt bekommen. Wenn wir also wissen, dass hier ein Unterschied vorliegt zwischen denen, die wir online sind, und denen, die wir offline sind, sind wir auch bereit für den nächsten Schritt: Herauszufinden, woraus dieser Unterschied besteht. Das ist nicht einfach und das werden wir auch nicht vollends hinkriegen, denn genauso wie unsere Offline-Identität ist das Netz-Ich prozesshaft. Mit jedem Mal, dass wir uns auf Facebook einloggen und unser Scroll-Verhalten, unsere Klicks und unsere Kommentare getrackt werden, verändert sich unser „#Ich“. Mit jeder Suchanfrage denkt Google anders über uns, mit jedem Tweet ändert sich unsere Twitter-Identität. Weil wir entscheiden können, was wir teilen und was nicht, was wir wieder löschen und was wir bearbeiten, können wir auch unser Netz-Ich zusammenbasteln – das klingt durchaus positiv, wie ein Computerspiel (und sind wir doch mal ehrlich – im Endeffekt ist es genau das).

Bei dem Ganzen dürfen wir nur eines nicht vergessen: zu glauben, dass unsere Netz-Identität uns nicht beeinflusst – als Individuen, als Kollektive, als Gesellschaft – wäre fatal. Und uns deswegen nicht damit auseinanderzusetzen, was sie für uns bedeutet, ebenso. Denn wir sind die erste Generation, die mitbekommt, welches politische Potenzial und welche Gefahren es bietet, unsere Netz-Identität(en) wahrzunehmen und zu nutzen.