Karneval der Identitäten

Von Federboas, lila Perücken, Irokesen und Security Caps bis zum Angesicht des Todes – die rasenden Reporter sind auf dem Karneval der Kulturen. Hier die acht interessantesten, exklusivsten und auffälligsten Identitäten vereint, vereint auf dem Blog der Pfingstakademie. Achtung, Kunst und Handykamera!

Von Jessica Kuhn (die interkulturell relevante russische Wurzeln besitzt)
und Hannah Imhoff (die gerade Mal 1/8 schottisches und ein 1/8 englisches Blut zusammenbringt)

Weder die Geschwindigkeit des Karnevalzugs, die Müllhalden, noch jegliche Sprachbarrieren sind den rasenden Reportern zu groß, sie halten Schritt auf der Suche nach Identität. Ihre Fragen sind direkt, ihre Fragen sind persönlich. Alter, Geschlecht und Sexualität machen erst den Anfang. Auf einer Skala von YOLO bis Riesterrente müssen die Individuen sich platzieren, berühmt sollen sie sein, die Welt verändern und wissen, wo sie nicht in 20 Jahren stehen.

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Kat Baloun, die 39 oder 59-jährige Sängerin aus den USA

Ein Zug voller bunter, tobender und tanzender Menschen. Eine einheitliche Schlange von Identitäten. Dazwischen wir, zwei Mädchen eher klein gewachsen und auch noch auf der falschen Straßenseite. Nahezu unmöglich erschien es uns, jemanden aus der Menschenkette auszumachen, einen Moment des Stillstandes zu erwischen, einen Moment für ein Gespräch. Und da war sie, unser Auftakt in den Karneval der Identitäten: Lila Haare, breites Lächeln, eine Frau um die sechzig, die in der Lage ist, über sich selbst zu lachen. Eine heterosexuelle Frau, die lieber einmal lebt, als eine Rentenversicherung abzuschließen. Auch in zwanzig Jahren möchte sie noch keine Rente, noch mit achtzig will sie auf der Bühne stehen und ihren Körper zur Musik bewegen. Auf der Bühne stehen? Sie ist Sängerin, muss für nichts mehr berühmt werden, weil sie es schon ist. Die Welt wartet noch auf Kat Baloun, eine Welt ohne Krieg wäre ihr Ziel. Kat Baloun, a woman some kind of wonderful.

 

Der Tod.

Der weibliche Tod, la muerte, unendlich alt und trotzdem YOLO

Der Tod ist weiblich,
la muerte, la mort, una morte,
Der Tod ist alt,
unendlich alt.

Doch auch in 20 Jahren,
wird keine Bühne ihn haben.
Denn er lebt nur einmal, yolo,
ganz für sich.

Die Politiker sollen schneller sein,
schneller suchen, schneller finden.
Er trennt sie, die Seele vom Leib,
durch seine Arbeit ist er wohlbekannt.

Doch der Tod selbst bleibt unbekannt.
Ewig unauffindbar im Netz.

 

 

Tommy

Architekt Franz, der mit seinen 35 Jahren die Wohnungen der Welt bunter machen will

Küsschen hier, Hände da, Franz on action, Tommy Hilfiger Model on tour.
Oberkörperfrei schwingt er die Hüften, wandert taktgleich an den Mädchen entlang. Sexualität erkennbar – nonverbale Kommunikation. Er ist ein Samba Tänzer, der im Karneval leibt und lebt.

Im Klischee befangen, lassen sich die rasenden Reporter ertappen. Franz ist kein Gigolo, sondern Architekt. Bekannt für seine Arbeit, im Internet „just Franz“. 35, männlich, hetero, vereint von allem ein bisschen in sich selbst. Mit 55 möchte er grüner leben, nicht die Welt verändert haben, sondern die Apartments der Individuen.

 

 

 

 

Aparna

Aparna, 26, Inderin mit Leib und Seele

Aparna, die Mutter des Universums, die weibliche Seite des Gottes Shiva und die weibliche Energie des Kosmos, gab uns die Ehre, ihre Essence einzufangen. Sie sprudelt mit ihren 26 Jahren voller Leben und hat noch nicht vor, in den nächsten 20 Jahren damit aufzuhören. Wenn sie nicht gerade kreativ, flexibel und farbenfroh durch die indischen Märkte des kulturreichen Karnevals tanzt, dann dreht sie sich in ihrem Sari, bis die Sterne sie sehen und selbst Sputnik die Augen nicht von ihr abwenden kann. Dabei ist Mark Zuckerberg immer live dabei und plant schon seine neue Zentrale in Indien, wobei sie die Inspiration ist. Trotz allem bleibt #createyourownworld ihr Motto und #staywhoyouare ganz oben im Sternenhimmel.

 

 

 

 

Sei mein Tofu Tiger!

17-jährige, weibliche Kuh namens Leonie

Stellt Euch eine Kuh im Büro vor. Vielleicht im dritten Stock mit Teppichboden. Vielleicht sogar mit weißem Teppichboden, weißem nicht waschmaschinen festen Teppichboden. Fairerweise muss man anmerken, dass die Büros noch 20 Jahre Zeit hätten, um kuhintegrativ zu werden. Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe – Leonie aber nicht, weil sie will nicht ins Büro, auch nicht in 20 Jahren. Leonie ist weiblich, Leonie ist 17 Jahre alt, Leonie möchte eine Rentenversicherung. Wenn sie könnte, würde sie lieber Geld verdienen, ähm sich selbst verwirklichen. Sie ist gerecht und ehrlich, im Internet ist sie „sie selbst“ oder doch lieber berühmt durch ihre Kochshow, ihre vegane Kochshow, mit der sie die Welt verändert.

 

 

 

Markus Walter

Weicher Justizbeamter Markus Walter, 43 Jahre alt

Achtung, Achtung! Dies ist eine Anweisung der Central Intelligence Agency (vielleicht auch als CIA aus der Serie Navy CIAS bekannt – die sollen wohl irgendwas in den USA machen, ist aber noch nicht ganz schlüssig was), der sofort folge zu leisten ist. Schützen Sie Kinder und Senioren und begeben Sie sich augenblicklich in den nächsten Evakuierungsraum. Markus Walter – Sexyest Securityman 2016 – wird Ihnen mit seinen unschlagbaren 43 Jahren und Adoniskörper zu Rat & Tat stehen. Er geht jedes Risiko ein, um Ihrem Individuum best mögliche Sicherheit und Geborgenheit zu gewähren, denn er trägt die Worte YOLO (you only live once) stolz und ohne Wiederworte auf seiner vor Muskeln strotzenden Brust. Doch Markus mit der Beständigkeit aus Stein, hat auch einen weichen Kern, den er in seinem ganz persönlichen Ruf als „Weichei“ und „Softie“ gerne zum Ausdruck bringt. Bitte beachten Sie, dass ihm bei der Selbstverwirklichung in einer freien Marktwirtschaft kein Absperrband und kein Ampelhütchen zu groß sind. Nicht nur als Securityman, sondern auch als hauptberuflicher Justizbeamter will er Promis in Not ein wahrer Helfer sein. Falls Ihre Katze spontan beschlossen, hat einen Baum zu ihrem neuen besten Freund zu erklären, und sich nicht mehr von ihm lösen kann, so wählen Sie die Rufnummer: 030 13118112119 und der weichherzige Katzenliebhaber kommt sofort. Im Internet finden Sie ihn auch unter dem Namen seiner verstorbenen Katze „Kenni“. Sollte es Ihnen aber darum gehen, die Welt zu verändern, dann sollten Sie sich mit viel positiver Energie und einer starken Gruppe mit den selben Zielen an unseren Strongmen herantasten, denn die Überzeugung spricht aus Markus: „Es ist schwer, etwas in dieser Welt zu verändern, aber der Karneval der Kulturen kann so etwas!“

 

Boile = Martin

Der Punk und seine Mutter

„Hast du mal nen Euro? Haben Sie vielleicht nen Euro?“ Punks schnorren kaum mehr auf der Straße und spucken weder auf Passanten noch auf rasende Reporter. Punks heißen Dose, Tetrapack oder eben Boile. Boile ist voller Nieten, Piercings und Tattoos, äußerlich die harte Schale, innerlich der weiche Kern. Nur mit seiner Mutter lässt er das Blitzgewitter zu, nur mit seiner Mutter ein Interview.
Boile = Martin
Martin = heterosexuell
hetero = 30
Martin will anders sein, anders als die Kapitalisten und Fachisten, bei denen er auch nicht in 20 Jahren steht. Er ist der Einzige, der gar kein Interesse daran hat, berühmt zu sein, der Einizige, der sich auf der YOLO bis Riesterrente Skala überhaupt nicht sieht. Er ist der Einzige.

 

 

Achtung, es folgt ein Rap!

Nana, 22 Jahre jung, weiblich, hetero

Nana (22), die stolze schwarze Frau, mit großen Träumen

Na, Na war ihr Name,
wollte alles nur nicht Kinder auf der Straße.
Ist weiblich und jung,
fühlt die Stimme der Kirche und singt die Worte von Gott.
Statt YOLO im Kopf steht Rente auf’m Schopf.

Stolze, schwarze Frauen sind mein Ding,
in Deutschland Kultur ausleben, hat noch Sinn,
Ich bin nicht leise, sondern laut,
vertraue oft darauf, denn wenn ich einfühlsam bin,
habe ich viel erreicht.

Nicht nur das, sondern mehr steht auf meinem Plan,
die Welt verändern,
„Rassismus nein Danke“ steht auf meiner stolzen Brust,
es hat keinen Sinn, dieses Nazi-ach-so-toll-Gewäsch.

Nur starken Frauen steht der Weg offen,
dafür geh ich durch die Straßen, mach meinen Namen laut.
Na, na war ihr Name und Nana geht sie heute.

 

Nach vier Stunden voller Bierflascheneskapaden, Musik bis das Trommelfell platzt, Kultur zum Anfassen (bitte wörtlich nehmen), Kostümen die Identitäten sind und Identitäten die Kostüme waren, Punks, Sambatänzern, amerikanischen Superstars, indischen Göttinnen, dem Tod, veganen Kühen und einem einfühlsamen Katzenliebhaber waren die rasenden Reporterin von Eindrücken geplättet. Mit etwas Stolz können sie sich jetzt „Identitätenbusters“ nennen, die sich den Vorurteilen gestellt haben und selbst den Tod bezwungen haben.

Fotos: (c) Jessica Kuhn, Hannah Imhoff | Pfingstakademie
Beitragsbild: (c) Julian Elbers | Pfingstakademie