Bist du Europa?

Kein Tag vergeht, ohne dass nicht mindestens ein Nachrichtenbeitrag darüber berichtet. Die Menschen sind müde von Diskussionen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Das Thema spaltet die Bevölkerung. Worum es wohl geht? Na um Rechtsextremismus und die Frage nach der „Identität“ unserer Einwanderungsgesellschaft.

Von Marcellina v.Massenbach (hat nichts gegen Cranberries, aber sie sollten den deutschen Erdbeeren auch nicht den Arbeitsplatz wegnehmen!)

Deutschland wird immer multikultureller. Beobachtet man die Presselandschaft und den öffentlichen Raum, so zeigt sich eine laute Debatte über die Einwanderungsgesellschaft. Die Menschen werden in Konflikte gebracht und Extremismus wächst. Wie kommt es dazu?

Im Workshop „Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft“, geleitet von Ozan Aykaç, Referent bei der Fachstelle für Demokratie in München, wurde der Frage nach dem Ursprung von Extremismus nachgegangen. Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür liegt in der Verschiebung der Verantwortung auf Andere sowie der Suche eines Schuldigen. Hat man Jemanden gefunden, so braucht man seine eigene Sicht nicht zu hinterfragen und kann sich wieder in Ruhe seinem Alltagsleben widmen.

(c) Aileen Yue | Pfingstakademie

(c) Aileen Yue | Pfingstakademie

Das aktuellste und beste Beispiel hierfür ist natürlich die „Flüchtlingskrise“. Es wird jemand Schuldiges gesucht. Und was ist als Ursache der Probleme besser geeignet, als etwas Unbekanntes, Fremdes? Jemand, der einfach anders ist? Was schon immer da war, wird ungern als schlecht angesehen – denn wenn die Problemquelle schon immer da war, liegt eine Teilverantwortung immer bei sich selbst. Nicht nur als Schuldige und Verantwortliche eignen sich die „Anderen“, sondern auch als Ablenkung, als Ablenkung von größeren und/ oder persönlichen Problemen, so wie in der aktuellen Lage verhäuft die Geflüchteten.

Im Zuge einer Krise versuchen verschiedene Menschen verschiedene Lösungsansätze zu finden, und was eignet sich dafür in einer Demokratie wie unserer besser, als eine Partei zu gründen, die verspricht, das Problem auf neue Weise in den Griff zu bekommen? So etablierte sich die „Alternative für Deutschland“, über die wir uns im Rahmen des Workshops informiert und ausgetauscht haben, zunächst mit dem Vorsatz anders zu sein, sich abzuheben, und einen anderen Ansatz zu haben als die herkömmlichen Parteien. Inzwischen positioniert sie sich ziemlich weit rechts. Sie stößt bei großen Teilen der Bevölkerung auf Kritik, aber auch bei nicht allzu kleinen Teilen der Bevölkerung auf starke Zustimmung. Der Gedanke, die Geflüchteten seien der Ursprung der Weltprobleme und eine Position gegen die Geflüchteten-Welle könnte die Lösung sein, verbreitet sich mehr und mehr unter den Deutschen.

Im Verlauf des Nachmittags beschäftigte sich der Workshop „Identitäten in der Einwanderungs-gesellschaft“ weiter mit der modernen Vorstellung eines multikulturellen Europas. Die große Frage war: „Gefährdet der Patriotismus den Multikulturalismus?“. Sie wird immer häufiger in Deutschland gestellt und sorgt für hitzige Diskussionen, gerade im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte und ihren Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft. Kann und darf ich stolz auf mein Land und gleichzeitig offen für andere sein? Wie können Kulturen nebeneinander friedlich leben und sich nicht nur gegenseitig tolerieren, sondern sogar voneinander lernen? Wie weit kann und sollte die Offenheit für kulturelle Veränderung gehen? Brauche ich für meine eigene Identität eine Zuordnung zu einer Nation? Sollte ich mich als „Weltbürger“ fühlen? Und würde das etwas verändern?

(c) Aileen Yue | Pfingstakademie

(c) Aileen Yue | Pfingstakademie

Am Ende bleibt nur der Erfahrungsgewinn, aber keine Antworten. Es gibt vermutlich keinen allgemein richtigen Weg, nur den falschen, sich nicht auf die Suche nach einer Lösung zu machen. Jeder sollte sich mit solchen Fragen beschäftigen und sich in Meinungsaustausch und Lösungssuche begeben. Sagen kann man hierzu nur, dass wohl keine beteiligte Partei in Frieden leben kann, ohne Kompromisse einzugehen.