Bild von einem Menschen mit Fragezeichen im Gesicht

Arbeitswelt 2.0: Massenproduktion oder die Identität von der Stange

Was verändert die neue Arbeitswelt in der Identitätsbildung von jungen Menschen? Wodurch entsteht Identität, wenn nicht mehr über Arbeit? Und will oder muss man dem Zwang der Arbeitsmärkte folgen oder gibt es Alternativen? Wie schafft man es, wieder die Identität als einzigartiges Designerstück wahrzunehmen, was sie ja eigentlich sein sollte. Ein kritischer Denkanstoß an uns, die Generation Y.

Von Daniel G. (der keinen Bock mehr hat, über den beschissenen Identitätskamm der Arbeitswelt gestrichen zu werden und in dem Einheitsbrei dahin zu siechen.)

Im Studio West trifft sich die Gruppe, die sich für den Tag mit dem Thema „Identität(en) & Arbeit“ auseinandersetzen möchte. Sina Kaufmann ist die Referentin und bringt einen wertvollen Erfahrungsschatz für die Teilnehmenden der Themen AG mit. Diese reichen von einem Studium in Politik, Philosophie und Völkerrecht bis hin zu einer Führungsposition im Bereich Kommunikation in einem Startup Unternehmen. Sie eröffnet mit dem bedeutungsschweren Satz: „Ihr macht mich heute zu dem, was ich heute sein werde“ die bunt gemischte Runde der Anwesenden. Diese Aussage stellt auf den ersten Blick eine sehr zurückhaltende, gar passive Haltung dar. Sie steht komplett entgegen der Grundidee auf der die Pfingstakademie gegründet wurde. Jugendliche sollen sich einmischen, laut werden und selbstorganisiert die Jugendarbeit mit Leben füllen. Da reicht es nicht aus, sich nur auf den bequemen Sesseln der richtigen Momente auszuruhen.

Wenn man den Blick aber über die Grenzen der Pfingstakademie streifen lässt, trifft man ohne großen Aufwand auf den Konflikt, der auf diese Aussage zurückführt. Viele von uns sind gleichermaßen von den Wechselwirkungen zwischen Identität(en) und der Arbeit betroffen. Zum einen haben wir das Bedürfnis nach einer Identität, die jeden zu einem einzigartigen Menschen macht. Zum anderen muss in der heutige Gesellschaft einer „etablierten“ Arbeit nachgegangen werden. Darüber hinaus verdeutlichet dies die widersprüchliche Zerrissenheit, in welcher wir uns gerade wiederfinden Also wie kann es sein, dass dieses Thema für viele junge Menschen immer noch ein unbeschriebenes Blatt ist? Nur weil etwas unbequem ist, darf das die Idee dahinter nicht verloren gehen. Nehmen wir mal an, dass in einem Jahr mit 365 Tagen ca. 218 produktive Arbeitstage in Deutschland zur Verfügung stehen und dass man sich bis zu 50 Jahren an der Arbeitswelt aktiv beteiligen kann,. dann ergibt das in Summe 10.900 Tage in denen man schlicht und ergreifend nur arbeitet.

Wie kann es angehen, dass der jetzigen Generation, den Arbeitskräften von morgen, die Zugänge die eigene Identität zu entdecken, zu erforschen und zu entwickeln verwehrt bleiben? In der Schule gibt es kaum Zeit, Schülerinnen und Schüler mit notwendigen identitätsfördernden Werkzeugen auszustatten, um diese Reise schon früh genug loszutreten. In dem Workshop ist die angeregte Diskussion leider nicht über den Zusammenhang zwischen Schule und Identitäten hinausgekommen. Im Workshop wäre die Debatte noch tiefer in die Arbeitsweltfrage eingestiegen, wenn nicht so angeregt diskutiert worden wäre.

Man kann durchaus behaupten, dass jede Berufsbezeichnung wie ein moderner Instagramfilter funktioniert, der sich unsichtbar und unberechtigt über die Person legt. Ohne darauf abzuzielen, werden Vorurteile gegen und alle bekannten Vorstellungen von einem Beruf auf einen persönlich niedergeschrieben. Seien sie positiv oder negativ konnotiert oder seien sie wahr oder falsch. Dies führt berechtig zu der Sorge, dass der eigentlich bewährte Fokus heute verschiebt: weg von den persönlichen Fähigkeiten, die jede und jeder mitbringt, hin zu der flachen Kunst der gelungenen Selbstpräsentation. In der Arbeitswelt kommt es immer häufige darauf an, was die Zusatzqualifikationen und die schon abgeschlossenen Praktika über den bis jetzt bestrittenen Lebenslauf einer Bewerberin oder eines Bewerbers aussagen. Für eine simple Praktikumsstelle wird von den Unternehmen ein 1,0 Schnitt, 5 Jahre Berufserfahrung, 7 Sprachen fließend sprechend, 1 Nobelpreis und am besten noch ein Austauschjahr auf dem Mond verlangt. Den Bewerberinnen und Bewerber ist diese Tatsache alles andere als unbekannt. So wird das eigene Curriculum Vitae an den richtigen Stellen aufgebläht, an der ein oder anderen Stellschraube noch gedreht und fertig. Man fällt nicht mehr so leicht durch das Bewerbungsraster der Unternehmen. Der perfekte Teufelskreis ist geschlossen. Warum machen wir da eigentlich mit?

In einer Gesellschaft, die so auf Leistung basiert, ist der Druck auf den Schultern eines noch unbeteiligten Jugendlichen enorm hoch. Die Ansprüche von außen wachsen und somit auch die Anforderungen an sich selbst. Kein Fehltritt wird zugelassen. Es werden nur die Erfolge und herausragenden Leistungen auf allen Kanälen wahrgenommen. Wo sind aber die gescheiterten Ideen? Die Angst Schwäche zu zeigen zeichnet sich in allen gesellschaftlichen Strukturen ab. Dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist und alle Menschen eine Spur des Versagens hinter sich herziehen, zeigte der 36-jährige Princteon Professor Johannes Haushofer mit seinem „CV of Failures“, in dem er zu seiner Karriere des Scheiterns stolz steht. Endlich mal! Welche Möglichkeiten haben wir nun, aus dieser vorgelebten Struktur auszubrechen und einen kleinen Beitrag zu leisten, die Arbeitswelt von morgen für uns nachhaltig zu verbessern? Es kann nie früh genug damit angefangen werden, sich seiner eigenen Identität bewusst zu sein und dieser treu zu bleiben. Eine Form dieser Verwirklichung sind Seminare und Weiterbildungsangebote, wie unter anderem die Pfingstakademie, die den Zeit und den Raum bieten, sich seiner eigenen Identität annähern zu können. Selbstverständlich muss eine Identität als eine sehr dynamische Sache mit einem lebendigen Wesen angesehen werden.

Um den ersten Schritt in die Richtung eigene Identität zu vollziehen, sind folgende Leitfragen als Unterstützung gedacht. Diese Fragen wurden in dem Workshop den Teilnehmenden von Sina zur persönlichen Reflexion mitgenommen. Allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt, diese Fragen für ein Bewerbungsgespräch aufzubereiten, sondern sich selbst besser kennen zu lernen und standhaft gegen Fremdzuschreibungen gewappnet zu sein. Der Teufelskreis kann durchbrochen werden. Nehme dir die Zeit und mach dir darüber Gedanken. Eventuell liefern die Ergebnisse die ein oder andere Überraschung auf der Suche nach deiner Identität:

  1. Was möchtest du ganz persönlich für Fähigkeiten?
  2. Welche Eigenschaften besitzt du deiner Meinung nach?
  3. Was möchtest du wirklich aktiv tun in deinem Beruf?
  4. Was ist dein eigener Beitrag in einer Gruppe oder Kollektiv?
  5. Welche persönliche Superkraft hast du?

Titelbild: “Tobias Mittmann” / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)