Horrorszenario: Wortdurchfall

Ich will nicht geleitet werden, sondern selber leiten: Aber wie? Und was, wenn es den Redeschwall von anderen zu unterbrechen gilt? Einfach Ruhe bewahren und sich dann aber auch trauen, den Mund aufzumachen. Darum ging es im Workshop „Veranstaltungs- und Diskussionsmoderation“ auf der Pfingstakademie. Von Leonie Geiger (hat gerade ihr Abitur absolviert und steht mit großen Augen und großen Träumen in der großen weiten Welt. Geige spielt sie übrigens nicht, sondern Klavier)


Ein großer Saal gefüllt mit erwartungsvollen Zuschauern. Alle sitzen in Reihen, starren gespannt auf die Bühne und lauschen. Auf der Bühne befinden sich fünf Menschen: Vier von ihnen sind Podiumsgäste und sollen über ein Thema debattieren. Einer von ihnen redet. Dann erklärt er, dann kritisiert er, dann lobt er; er tut so ziemlich alles, was man mit Sprache anstellen kann. Außer zu schweigen. Und dann bist da du: Die Nummer fünf auf der Bühne. Du bist der Moderator und du bist gefragt, den Wortdurchfall des Gastes zu unterbinden. Aber bitte wie? Horrorszenario? Verständlich.

Die Lösung: Die Werkzeugs-AG „Veranstaltungs- und Diskussionsmoderation“ mit Karin Schädler auf der Pfingstakademie 2011. Im Kaminsaal der Wannseevilla soll erprobt werden, wie dieses Horrorszenario zu verhindern ist. Dabei gilt es, jegliche Art von Moderation selbstbewusst und authentisch zu meistern und dabei auch gut strukturiert vorzugehen. Dazu hat Karin Schädler, die als freie Journalistin in Berlin arbeitet, alle Präsentationsmethoden ausgeschöpft: Flipchart, Laptop und Beamer, Pinnwand schmückten den sonst so kargen Saal. Die bereits am Nachmittag voll geschrieben Flipchart und mit bunten Zettel behängte Pinnwand lassen ansatzweise die Produktivität des Workshops erahnen.

Baustelle Podiumsdiskussion und Wortdurchfall

Am Vormittag wird anhand verschiedener Filme die Kriterien guter Moderationen erarbeitet. Dabei zeigt sich, dass vermeintliche Kleinigkeiten wie Körperhaltung, Blickrichtung und Sprachtempo bei qualitativen Moderationen eine große Rolle spielen. „Mir ist besonders wichtig, dass wir praktisch üben und auch auf individuelle Wünsche eingehen. Heute zum Beispiel betrachten wir besonders Podiumsdiskussionen und Probleme, die sich dabei ergeben können“, schildert Karin Schädler ihr Konzept. Im Austausch mit der Gruppe zeigt sich schnell, dass viele nicht mit Vielrednern sowohl auf der Bühne als auch im Publikum umgehen könnten: „Ich will eben nicht geleitet werden, sondern selber leiten“, stellt die 17-jährige Sandra Isenburg aus Kaufbeuren dieses Problem dar.

Josefine Geiger aus Fulda dazu: „Das fand ich schon wirklich klasse: Wir stellten alle fest, dass wir in solchen Situationen vollkommen überfordert wären und was macht Karin? Sie macht spontan eine Übung, in der wir das Unterbrechen üben mussten. Einfach super!“

Gemütlichkeit vs. Produktivität

Es ist Nachmittag. Ein leichter Wind weht durch die geöffneten Balkontüren, einige Jugendliche sonnen sich auf der Wiese, das Wasser des Pohlsees plätschert von vorbeifahrenden Booten angetrieben gegen die Mauern vom Wannseeforum. Alles wirkt entspannt und gemütlich – es ist Zeit für die Kaffeepause. Doch nicht überall: Im Kaminsaal steht Karin Schädle. Lange blonde Haare, schwarze Hose, beiges Oberteil mit gezücktem Edding in der Hand. Hier ist nichts zu spüren von Kaffee, Pause oder Gemütlichkeit. Hier gilt es  Schwerpunkte für den nächsten praktischen Teil zu finden: Eine Einleitung für eine Podiumsdiskussion soll verfasst werden.

Hört sich einfacher an, als gedacht. Schädler weißt auf die Schwierigkeiten hin: „Es fängt an bei der Frage, wie ihr die Gäste hinsetzt, also damit verbunden, in welcher Reihenfolge ihr sie vorstellt. Wie begrüßt ihr das Publikum und wie soll die erste Frage aussehen, damit es auch eine Diskussion wird? Ihr braucht Originalität!“ Eine halbe Stunde Zeit gibt es für die Vorbereitung, danach soll die Einleitung vorgestellt und bewertet werden. „Das war wahnsinnig hilfreich, sich wirklich mal hinzusetzten, das vorzubereiten, vorzutragen und dann auch noch eine Bewertung zu bekommen. Mir zum Beispiel war gar nicht aufgefallen, dass ich immer nur zur Seite und nicht ins Publikum geschaut habe“, so Sandras Fazit vom Nachmittag.

Rhetorikkurs als Zukunftsziel

„Man hat schon wirklich gemerkt, dass Karin Ahnung von dem hatte, was sie da erzählt hat. Das, was sie körpersprachlich und rhetorisch von uns Teilnehmern abverlangt hat, hat sie selbst verkörpert. Sie wirkte dadurch sehr authentisch!“, lobt Josefine den Workshop. „Aber es war auch wirklich anspruchsvoll und anstrengend. Manchmal hätte ich mir die ein oder andere Pause mehr gewünscht“, fügt die 21-Jährige hinzu. Sie wird in naher Zukunft erst einmal einen Rhetorikkurs besuchen, um das Gelernte zu verfeinern.

Aber was kann man nun tun, wenn das Horrorszenario eintritt, es den Redeschwall zu unterbrechen gilt? „Wichtig ist, dass man Zustimmung vermeidet, den Redner mit Namen anspricht, lauter wird und das vielleicht noch mit Gesten unterlegt. Man muss sich eben einfach trauen, den jemanden zu unterbrechen. Dann müsste es eigentlich klappen“, rät Karin Schädler und lacht. Horrorszenario du kannst kommen!

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