Reden offline, streiten online
„Partizipation in der iGeneration“. So lautete der Titel einer politischen Diskussionsrunde auf der Pfingstakademie 2010 im Berliner wannseeFORUM. Es kamen viele Fragen auf, deren Antwort niemand so wirklich kannte. Und es stellen sich Fragen für die Zukunft. Von Martina Dietz.
„iPartizipation: 5 Alte erzählen 100 jungen Menschen, was sie wollen?“. Dieser Satz wurde von Jugendlichen auf der Pfingstakademie 2010 im Berliner wannseeFORUM per Twitter in einer politischen Diskussionsrunde auf eine Leinwand projiziert. „Partizipation in der iGeneration“, so der Titel der Veranstaltung. Dabei ging es um die jüngere Generation, die heute über neue Medien kommuniziert, sich beteiligt, politisch engagiert, protestiert. 100 Jugendliche waren gekommen.
Nach einem leicht monolog-lastigen Beginn der Podiumsgäste kam die Debatte schließlich ins Rollen, nicht zuletzt durch jene Möglichkeit, über die twitterwall (in)direkt eigene geistreiche Standpunkte oder aber auch belanglose Aussagen zu posten. „Wir und ‘das Internet’ laufen hinter dem Rücken der Alten ab“, stand da an der Wand. Was schnell und hastig eingetippt war, ist zugleich Spiegel der Realität: Ein Teil der älteren Bevölkerung lebt noch immer offline und hat keinen Einblick in die von neuen Medien dominierten Lebensbereiche Jugendlicher.
Macht das Internet Parteien überflüssig?
Auf dem Podium saßen Britta Örtel vom Institut für Zukunftsforschung und Technologiebewertung Berlin, Judith Orland von Oxfam Deutschland, Heide Hagen von der Piratenpartei und Dr. Konstantin von Notz von Bündnis 90 / Die Grünen. Moderiert wurde die Diskussionsveranstaltung von Florian Dieckmann, einem Diplom-Kommunikationswirt aus Berlin.
Schnell kamen Fragen auf. Schwächen die neuen Partizipationsmöglichkeiten die Parteien? Macht das Internet Parteien überflüssig? Werden NGOs in diesem Zusammenhang gar bedeutender? Judith Orland und Britta Örtel sehen das Internet als Möglichkeit zum Informationsaustausch und als Kommunikationsmedium, es habe aber im Grunde nur eine Demokratie ergänzende Funktion.
Konstantin von Notz betrachtet das Internet als Transparenz schaffend und als „Chance für die Demokratie“. Heide Hagen ist in diesem Punkt ganz anderer Ansicht: Die PiratenPartei möchte Hierarchieebenen abbauen und „viele kleine Parlamente“ schaffen, langfristig kann sie sich sogar vorstellen, mit und durch neue Partizipationsmöglichkeiten die Parteien abzulösen. Was bedeutet das für Zukunft? Gibt es künftig sogar ein neues sozialistisches Rätesystem via neue Medien?
Viele Ansätze, wenig Klärung
Fragen über Fragen, auf die niemand so wirklich eine Antwort wusste. Und es stellen sich immer mehr Fragen für die Zukunft. Judith Orland drehte den Spieß um und stellte den Jugendlichen im Publikum Fragen. Sie erkundigte sich, wie später auch Britta Örtel, ob und in welchem Ausmaß Informationen und Möglichkeiten zu tatsächlicher Partizipation im Netz aktuell überhaupt genutzt werden.
Über eine Stunde lang diskutierten die Teilnehmer über Urheberrecht im Internet, Datenschutz, Rechtssicherheit, schnelle Aktualisierung von Themenbereichen und daraus resultierendem Informationsüberschuss und der Manipulation von Nutzern. Im Grunde wurde viel gesagt, aber wenig geklärt.
Mitmischen, networken, irgendwie dabei sein – Ist das alles?
Vielleicht lag das daran, dass das Thema so breit und allgemein gefasst war, sodass sich die Diskussion immer wieder auf Heide Hagen von der PiratenPartei konzentrierte und sich in kleinen Detailfragen verlor. Auch der starke Einfluss der twitterwall war auffällig. Dort konnten TeilnehmerInnen, die das nötige technische Equipment hatten, ihre Fragen vorbringen. Diese Fragen wurden in der offenen Fragerunde allerdings manchmal übersehen. Öfter kam es auch zu geschmacklosen Beleidigungen durch anonyme User.
So führte die Twitterwall vor Augen, dass „iPartizipation“ eine zweischneidige Sache sein kann. Zum einen regen die neuen Kommunikationstechnologien dazu an, sich schneller einzubringen, mitzumischen und zu „networken“. Zum anderen geht es auch oft nur ums „Irgendwie-dabei-sein“ und manch einer fühlt sich in der Anonymität des Netzes zu wohl und hinterlässt feige Kommentare auf der Twitterwall, anstatt sich wirklich in die Diskussion einzubringen. Sieht so politischer Protest 2.0 aus?
Politische Partizipation: Man fängt immer klein an
Pünktlich zum Anpfiff des Champions League-Finales zwischen Bayern München und Inter Mailand endete die Diskussion. Manche gingen schlafen, viele schauten Fußball, andere diskutierten im kleineren Kreise weiter. Dann verlor sich die Runde.
Deutlich wurde, dass durch grenzenlose Internet-Kommunikation nichts vergessen, übersehen und alles gehört wird, vieles bleibt allerdings faselig. Und doch gilt: Auch feige Botschaften nehmen Einfluss. Man fängt immer klein an, wie in dieser Diskussionsrunde, irgendwann wird es größer, wie bei einem Flashmob, und vielleicht sind es irgendwann 120.000 wie in einer Menschenkette, so wie beim Protest am 24. April gegen die Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein.
(Martina Dietz ist 18, besucht im Moment die 12. Klasse der Marienschule Fulda.)
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