Pauken für Gerechtigkeit

Liegt der Schlüssel für soziale Gleichstellung in der Gesellschaft tatsächlich in der Schule? Darüber wurde auf der Pfingstakademie in einer Querschnitts-AG diskutiert.

Von Meiken Hindenberg.


Die Erfahrung, ungerecht behandelt zu werden, gehört zu der alltäglichen Erfahrungswelt von jungen Leuten. Vor allem Pubertierende beschweren sich häufig über „ungerechte“ Eltern. Katapultiere man sich nun einmal aus dieser häuslichen Unzufriedenheit und übertrage Ungerechtigkeitsempfindungen auf das komplette Leben, hat das „Ausgeliefertsein“ eine ganz neue Qualität. Die Querschnitts-AG „soziale Gerechtigkeit“ nahm sich die Zeit über dieses Themen zu debattieren.

Anfänglich wurde ein sozialwissenschaftliches Modell diskutiert, das zwischen Chancen-,Verfahrens-, Verteilungs- sowie Ergebnisgleichheit unterscheidet. Es galt zu verstehen, welche Art von Gleichheit im Sozialstaat Deutschland möglich ist. Was sind eigene Erfahrungen mit Gerechtigkeit?

Soweit so gut. Das ist trockene Theorie. Ein Mikrokosmos von Gerechtigkeit, Dimensionen, in denen man sozial gerecht behandelt wird – ist das überhaupt umsetzbar? Genau an diesem Punkt entfachte sich die Diskussion: Inwieweit sind Studiengebühren, G8-Schulreform, Integrationsprobleme und uneinheitliche Lohnpolitik vereinbar mit einer sozial gerechten Politik? Wie sieht eine gerechte Gesellschaft für uns aus, hätten wir mehr Teilhabemöglichkeiten? Die Diskussion entpuppte als Spielwiese jugendpolitscher Gestaltung. Die Referenten Florian Dieckmann und Steffen Schilling fütterten die Teilnehmenden mit Input und führten ohne festen Ablaufplan durch die Diskussion. Nach der Mittagspause wechselte das Medium von Flip-chart auf Beamer.

Der Film: Treibhäuser der Zukunft

Ein Film von Reinhard Kahl wurde gezeigt, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, erstmals 2005 ausgestrahlt. In ganz Deutschland wurde nach dem Geheimnis gelungener Ganztagsschulen recherchiert. Die im Film vorgestellten Schulen sind Vorbilder für individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen. Es werden Ansätze gezeigt, in welcher Form Bildungsgerechtigkeit in Deutschland realisiert werden kann und wie Schule gelingen soll. Ganztägige Schulen, die ihre Schüler besonders prächtig züchten wollen, versorgen ihr Treibhaus in Balance zwischen kognitiver, sozialer und emotionaler Balance – soweit die Theorie. Das heißt praktisch, dass die Schüler als Individuen gesehen und geschätzt werden. Die Verschiedenheit und Einzigartigkeit eines jeden Kindes ist demnach das Kapital aus dem die Schulen schöpfen. Ein Gegenvorschlag zu traditionellen Belehrungsanstalten.

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So hat sich zum Beispiel die Bodensee Schule St.Martin in Friedrichshafen diesem Gedanken verschrieben. Die Katholische Schule entwickelte ein neuartiges Schulkonzept nach dem Schule mehr sein soll – ein Lebensraum, der innerhalb der Schulwände kreiert wird. Bildung wird greifbar, beispielsweise wird mittelalterliches Leben nachempfunden. Die Schüler backen Brot und schwitzen in der Hufeisenschmiede. Das ist mehr als nur in staubigen Büchern zu blättern und bedarf Einfühlungsvermögen. Die Bodensee Schule betont das solche Projekte vor allem in Hauptschulklassen erfolgreich seien – keine Spur von demotivierten Problemschülern.

Schule in der Diskussion

Der ein oder andere Pädagoge hätte nach diesem Film mit verklärtem Blick dagesessen und von einem harmonischen Schulleben voll von lernwütigen jungen Menschen geträumt. An diesem Idealbild von Schule stritten sich auch die Geister in der Diskussionsrunde: Wenn Kinder in der Schule so stark mit Ausrichtung auf ihre persönlichen Fähigkeiten erzogen werden, können sie dann in ihrem weiteren Bildungsweg und in klassischen Schulkonzepten dem Druck standhalten? Eine einheitliche Reform der Schulen, die alle den individuellen Lehrplan in den Fokus stellen, wäre ein möglicher Ansatz.

Meric (20), Zivildienstleistender aus Berlin, äußerte, dass die Realität später in der Uni nicht den alternativen Erziehungsformen entsprechen würde und das Scheitern vieler Studenten, die diesen Druck nicht gewohnt seien, die Folge wäre. Sind Waldorf- und Montessorischulen die Alternative? Befürworter dieser Schulform äußerten im Seminar, dass die bereits in der Kindheit erfahrene Freiheit und nötige Selbstorganisation auch für den Unialltag hilfreich sei. Besonders die Solidarität zwischen den Studenten konventioneller Universitäten sei aber oft zu spärlich.

Gebildete bleiben unter sich. Auf, wir fahren nach Moabit!

Die Zeit des Workshop neigte sich allmählich dem Ende zu. Der Diskussionsbedarf war aber noch lange nicht ausgeschöpft. Als Fazit bemängelten manche das Fehlen einer konkreten Fragestellung. Persönliche Erfahrungswerte und Kritiken wurden ausgetauscht, darüber hinaus gab es aber kein gemeinsames Gedankengebäude wie eine gerechte Welt auszusehen hätte. Und überhaupt: In der Runde diskutierten vor allem die Gutgebildeten, die eine sichere Existenz haben und auf eine (relativ) sichere Zukunft blicken können. Was aber geschieht mit den Bildungsfernen aus sozialen Brennpunkten? Hauptschüler waren auf der Pfingstakademie nicht vertreten. Wer mit ihnen diskutieren will, muss dann nach Berlin-Moabit fahren.

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