Profichiller mit Prognosen
„Ist Bildung der Schlüssel zu einer gerechten Gesellschaft?“ Damit beschäftige sich eine Arbeitsgemeinschaft auf der Pfingstakademie 2010 im Berliner wansseeFORUM. Auf den Wiesen verteilte die Sonne großzügig ihre Strahlen, viele Ansätze wurden diskutiert, viele Probleme aber nicht geklärt. Auf eine sozial gerechte Gesellschaft dürfen wir uns in Zukunft aber trotzdem freuen. Von Leonie Geiger.
Die Sonne verteilt großzügig ihre Strahlen, die Vögel zwitschern um die Wette und wir liegen auf Decken im saftgrünen Gras. Aus der Wiese ragende Gänseblümchen werden vom stillen Wasser des Wannsees, ein paar Bäumen rechts und links und der Villa des wannseeFORUMS in ihre Schranken verwiesen. Das vorzügliche Mittagessen wird noch in Resten von den Teilnehmern der Pfingstakademie verdaut.
Bildung? Erstmal Pause
Teamleiter Florian Dieckmann, 25 Jahre jung, Kommunikationswirt aus Berlin und gut gelaunt, startet den Nachmittagsteil der AG „Ist Bildung der Schlüssel zu einer gerechten Gesellschaft?“ mit dem Versprechen auf eine baldige Pause. Nach 20-minütiger leicht schleppender Diskussion löst Florian Dieckmann sein Versprechen ein. Doch weder das Angebot von Kaffee noch von Kuchen kann der Truppe zunächst Schwung geben.
Nur vereinzelt erhebt man sich langsam und schlurft zu Koffein und Kalorien. Die anderen bleiben zurück, rauchen eine Zigarette oder legen sich bräunungsbereit in die pralle Sonne. „Das ist immer so am Nachmittag“, schmunzelt Dieckmann, „ihr hättet die mal heute Morgen sehen sollen, da haben die mehr diskutiert, als mir eigentlich lieb war!“
Märchenschlösser für soziale Gerechtigkeit
Am Vormittag hatte sich die Gruppe mit dem Thema Gerechtigkeit beschäftigt, um eine gemeinsame Basis zu schaffen. „Schon während der Nährboden für die eigentlich später geplante Diskussion bereitet war, begann eine hitzige Debatte über die eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit“, fasst Tim, 18 Jahre aus Fulda, beim Mittagessen den gemeinsamen Vormittag zusammen. Manchmal seien das wirklich Märchenschlösser gewesen, aber die Teilnehmer hätten ihm den Blick über soziale Gerechtigkeit dadurch erweitert. Immerhin.
„Treibhäuser der Zukunft“
Nach der Pause entscheidet man sich für den Film „Treibhäuser der Zukunft“. Teils mit Kaffee und Kuchen bewaffnet, machen es sich die sonnenverwöhnten Teilnehmer im Kaminzimmer bequem. Die Vorstellung beginnt mit Beamer und Leinwand, das gelegentliche Schlürfen der Kaffeetrinker und das Geräusch von Gabeln auf Porzellantellern sind die einzigen Töne, die die sich zunehmend konzentrierenden Zuschauer von sich geben.
Der Film „Treibhäuser der Zukunft“ aus dem Jahre 2004 zeigt verschiedene Schulen und ihren individuellen Umgang mit der Ganztagsschule. Wobei die Individualität die größte Rolle spielt, denn die Beispiele, die der Film zeigt und von denen er ein beträchtliches Repertoire zur Verfügung hat, illustrieren viel mehr den äußerst seltenen Idealzustand, als dass die knallharte Realität aufgezeigt wird. Da wären Schulen mit eigener mittelalterlichen Druckerei und Schmiede, mit Cityrollern für jeden einzelnen in der Sportklasse und einer Schulband, die sich einfach mal in der Pause zusammenfindet und auf dem Schulhof spielt.
Die Debatte der Profichiller
Die Traumwelt im Film hat die „Profichiller“ anscheinend aus ihrer eigenen herausgeholt. Kaum ist der Film beendet, entfacht sich eine hitzige, und doch höchst disziplinierte Debatte über die Effektivität dieser Schulerziehung im weiteren Schul- und Berufsleben. Schnell stellt sich heraus, dass es solche Kinder nachher nicht immer einfach haben müssen. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein.
Der Idealzustand ist ein Kuchen
„Besonders Leute, die im sozialem oder pädagogischen Bereich tätig sind, konnten konkrete Beispiele und Erfahrungen nennen. Man hatte wirklich das Gefühl, die wissen wovon sie reden. Das hat das Niveau der Diskussion unheimlich gehoben“, lobt die 16-jährige Sandra den Verlauf der Debatte. Schnell zeigt sich, dass der im Film so angepriesene Idealzustand eher als ein Kuchen anzusehen ist, bei dem sich jede andere Schule ein Stück abschneiden sollte, sodass der Mittelweg gefunden werden kann. Denn, so lautet die berechtigte These von Teamleiter Florian, sei es eigentlich an jeder noch so normalen Schule möglich, den Schulalltag anders zu organisieren, eingeschränkt nur von Klassenstärke und Lehrpersonal.
Wo bleibt das Ziel?
So viel zum Thema Bildung. Doch wo bleibt das Ziel der AG? Wo bleibt die Klärung der eigentlichen Frage „ Ist Bildung der Schlüssel für eine gerechte Gesellschaft?“ Die Klärung erfolgt nicht, der Bogen zwischen sozialer Gerechtigkeit und Bildung wird nicht gezogen.
Das ist aber scheinbar gar nicht so schlimm, es hätte zwar in den Diskussionen keine Zielrichtung gegeben, aber „die Gruppe war konstruktiv“, betont der 20-jährige Meriç und sein Freund Matthias, 24 Jahre alt, stimmt ihm zu. „Eigentlich gab es keinen Anspruch und Druck, eine Lösung zu finden“, so Matthias weiter. Besonders durch die argumentative Basis sei es aber möglich gewesen, eine „chillige Diskussion“ zu führen, die nie gestockt habe.
Strahlende Zukunft
Aber David, 19 Jahre aus Frankfurt am Main, ist anderer Meinung. Die Diskutierenden hätten vor allem wegen der Gruppengröße oft aneinander vorbei geredet. Dennoch scheint der Workshop seine Spuren hinterlassen zu haben. Zumindest David möchte ein Projekt planen, das sich mit Bildung und sozialer Gerechtigkeit auseinandersetzt; vielleicht kam ihm die Idee gerade wegen der vielen verschiedenen Ansichten und Beispiele im Seminar. Die Sonne verteilt an diesem Nachmittag immer noch großzügig ihre Strahlen, hoffentlich auch in Davids Zukunft.
(Leonie Geiger ist 17 Jahre alt und geht in die 12. Klasse der Marienschule Fulda.)
Ein Kommentar






Trotz Ziellosigkeit schöne Diskussionen. Und bei dem Wetter, das wir hatten wäre eine sture zielsuchende Debatte sowieso fehl am Platz